Wann Wein schmeckt: Der biodynamische Kalender
  • Von Martin Kössler
  • |
  • 15.02.2015
  • |
  • 4 Kommentare
  • Zahlen, Fakten, Technik

 

Sie haben es bestimmt auch schon erlebt:

Es gibt Tage, da will Ihnen Wein nicht schmecken. Man kreidet es dem Wein an und seinem Händler oder Winzer und geht frustriert ins Bett. Fakt ist, daß der Wein oft nichts dafür kann. Es scheint unsere eigene Physiologie zu sein, die uns diesen Streich spielt, ohne daß wir es merken.

 

Große englische Weinhändler und die Einkäufer berühmter Supermarktketten orientieren sich für den Zeitpunkt ihrer Einkaufsverkostungen schon lange am biodynamischen Kalender. Sie haben genau das bemerkt, was auch Ihnen aufgefallen ist, aber nachhaltig nach dem »Warum« gefragt. Das führte sie zum biodynamischen Mondkalender.

 

Das mag nun mystisch und spinnig klingen, doch denken Sie an gute Gärtner oder an Schreiner und Tischler, die ihr Metier noch verstehen; sie arbeiten ganz selbstverständlich nach diesem Mondphasenkalender, damit ihre Pflanzen gut anwachsen und ihr Holz nicht arbeitet. Ein Geigenbauer kann nur Holz verarbeiten, das in der richtigen Mondphase geschlagen wurde, sonst reisst es. Das ist zunächst nur altes Erfahrungswissen.

 

Ich will Sie nicht mit Mystik und Esoterik konfrontieren, aber versuchen zu erklären, warum in unserer Branche vom Anbau über die Pflege im Weinberg bis zur Arbeit im Keller und schließlich bis zu Ihnen im Glas das, was die Esoteriker in der Biodynamik als »kosmische Kräfte« bezeichnen, vermutlich doch praktische Auswirkungen auf unser aller täglichen Genuss haben kann.

 

 

BiodynamikimWeinberg

Biodynamik im Weinberg

 

Dieser Kalender, um den es in der Biodynamik ganz wesentlich geht, basiert auf einer Zusammenfassung jahrhunderte alten Erfahrungswissens durch Maria Thun, die 2012 verstarb. Sie hat dieses komplexe Erfahrungswissen, überliefert von Generationen vor ihr, ihr Leben lang ausgewertet, beobachtet, niedergeschrieben und versucht in ein Schema zu bringen. Dieses Schema ergab sich aus Mond- und Sonnenzyklen, Sternekonstellationen und den Bewegungen des Sonnensystems. Es basiert auf Erfahrungen, die Generationen von Handwerkern, Gärtnern, Metzgern, Winzern, Imkern, aber auch Naturwissenschaftlern, gemacht und entsprechend überliefert haben. Dieser biodynamische Kalender wird heute von Tausenden von Menschen auf der Welt ganz selbstverständlich und völlig unromantisch und unesoterisch benutzt, um zum richtigen Zeitpunkt auszusäen, zu pflanzen, zu ernten und zu verarbeiten, vom Agraringenieur bis zum Zeitler.

Über ihre Winzer kamen auch besagte englischen Weinhändler, als erste auf der Welt, auf diesen Kalender, um damit ihre empirische Beobachtung, daß es Tage gab, an denen ihnen Wein partout nicht schmecken wollte, zu erklären zu versuchen. Es funktionierte so verblüffend stimmig und zuverlässig, daß heute Verkostungen auf der ganzen Welt nach diesem Mondphasenkalender terminiert werden.

 

Hörner_Biodynamik_Blog

Kuhhörner für die Biodynamik-Präparate 500 und 501

 

Worum geht es?

 

Wenn der Mond auf seiner Wanderung die 12 bekannten Konstellationen Skorpion, Jungfrau, Krebs etc. passiert, scheint die jeweilige Konstellation wesentliche Mechanismen der Natur konkret zu beeinflussen. So konkret, daß man daraus vier Kategorien extrahierte: Die Frucht-Tage, die Blüten-Tage, die Blatt-Tage und die Wurzel-Tage. Sie sind es, die darüber entscheiden, ob uns Wein an diesem Tag schmeckt oder nicht, ob Pflanzen gut anwachsen oder nicht, ob man filtrieren sollte oder besser nicht etc. etc.

 

Es klingt so weit hergeholt, daß ich als Naturwissenschaftler der ganzen Sache äußerst skeptisch gegenüberstand, obwohl ich seit Jahrzehnten mit Winzern arbeite, die ihre tägliche Arbeit danach ausrichten. Ich mußte selbst erleben, dass dieser Kalender mein Weinerleben nachvollziehbar beschreiben konnte. Damit Sie es auch an sich selbst nachvollziehen können, hier der aktuelle Mondkalender der Biodynamik zum Herunterladen:

 

»Biodynamik Mondkalender nach Maria Thun«

 

 Hier ganz auf Wein reduziert als App bei iTunes.

 

Erleben Sie an seinen Frucht– und Blütentagen, dass Ihnen Wein hervorragend munden wird. Vermeiden Sie mit ihm jene Blatt– und Wurzeltage, an denen Ihnen Wein weniger schmecken wird.

 

Ihre Skepsis in Ehren, aber Sie werden staunen, wie präzise dieser merkwürdige Kalender auch Ihr Weinempfinden zu beschreiben vermag. Die Beobachtungen in Sachen Wein stammen übrigens nicht von Maria Thun. Es war die englische Weinindustrie, die die Zusammenhänge im Wein entdeckte und an den überlieferten Kalender adaptierte. Anders als oft verlautbart, gilt diese Beobachtung übrigens für alle Weine, egal ob konventionell oder biodynamisch angebaut, ob Industrie oder Handwerk, so daß man zunehmend zu der Auffassung gelangt, dass es nicht der Wein ist, der von den Phasen des Kalenders betroffen ist, sondern unsere eigene menschliche Physiologie.

 

Erleben Sie Wein also mit all Ihren Sinnen. Erleben Sie seine Vielfalt, seine Lebendigkeit, seine Ausstrahlung, mit einer gewissen Demut vor Ihren eigenen Verkostungsfähigkeiten. Gleichen Sie Ihre Erfahrungen ganz beiläufig mit besagtem Kalender und seinen Frucht-, Blüten- Blatt- und Wurzeltagen ab und staunen Sie, wie nachhaltig die Natur uns und unsere Fähigkeit zu riechen und zu schmecken zu beeinflussen versteht.

 

 

Ausgewählte Weine aus biodynamischem Anbau rechts unter „Unsere Tipps“ ©K&U_2015

Kommentare
Kommentar hinzufügen

4 Kommentare
Mycelia
|
29.Jun.2018
|
Ich glaube, dass diese kosmischen Kräfte die Mikroorganismen beeinflussen. Denn der Tag der Herstellung kann das auch krass beeinflussen. Das habe ich selbst an der Herstellung von Wein, sowie Gemüseferments zb Sauerkraut beobachtet: An Blütetagen angesetzte Gärungen entwickeln eine ganz besondere Finesse, an Fruchttagen kann die Gärung nahezu explodieren, dabei finde ich wird der Geschmack manchmal zu intensiv. An Blatttagen hats Schimmelneigung und an Wurzeltagen fand ich hatten meine Gemüseferments eine komische Konsistenz entwickelt. Diese Beobachtungen hatten mich auch sehr verblüfft.
42 große Rieslinge an einem Nachmittag | Chez Matze
|
20.Aug.2015
|
[…] warum mir bestimmte Weine schmecken, andere jedoch weniger. Dass an diesem Samstag ausgerechnet Wurzeltag war, hey, das hilft doch eigentlich umso besser dabei, diese übergroßen Monstren einigermaßen […]
Andreas Wenninger
|
19.Mar.2015
|
Der oben verlinkte Mondkalender stimmt aber nicht mit dem orginal Maria Thun Aussaattage Kalender überein. Das ist zusätzlich ein großes Problem. Es gibt zu viele "Mondkalender" die alle Recht haben wollen und doch unterschiedlich sind. Ich für meinen Teil vertraue auf den orginal Maria Thun Kalender.
Hermann
|
18.Feb.2015
|
Hi Martin, Und an Wurzeltagen habe ich dann frei? :-)))