David Hirsch (1944 - 2026)
David Hirsch, der große Pinot Noir-Pionier der neuen Welt, ist am 28. Juli 2026 in Santa Rosa, Kalifornien gestorben. Wir haben mit ihm und seiner Tochter Jasmine mehr als zehn Jahre zusammengearbeitet. Menschen und Persönlichkeiten wie er, die sich selbstkritisch und mit ungewöhnlich offenem Blick in großer persönlicher Bescheidenheit immer wieder neu zu erfinden verstehen, sind die Ausnahme einer unausgesprochenen Regel. Seine Gedanken und sein Wirken werden weit über seinen Tod hinausreichen.
1978 kaufte er das Land, auf dem heute die weltberühmten Weine seines Hirsch Vineyards entstehen. Es handelte sich um eine 400 Hektar große ehemalige Schafsfarm, etwa zweieinhalb Stunden von der Golden Gate Bridge entfernt, in der Nähe des Fort Ross am Pazifik.
Es mag rätselhaft wirken, dass ein Junge, der in der Bronx aufgewachsen war und keinerlei Bezug zur Landwirtschaft oder Viehzucht hatte, sich zu diesem wilden, rauen und abgelegenen Ort hingezogen fühlte. David kaufte das Land nicht, um dort Weinberge anzulegen, sondern – wie er es ausdrückte – damit er seine eigenen Gedanken hören konnte. Das Land war günstig, da es noch kein Weinbaugebiet war. Es war abgeholzt und als Weideland genutzt worden und musste ökologisch wiederhergestellt werden. Er suchte nach einer Nutzung, für die das Land geeignet war und die Einnahmen bringen würde, um es zu pflegen.
Auf Anraten seines Freundes Jim Beauregard pflanzte er als allererster dort Reben. Einen halben Hektar Pinot Noir mit wurzelechten Reben und einen Hektar Riesling mitten auf der Ranch, mit Blick auf den Pazifik. David hatte seine Liebe zum Wein in den Santa Cruz Mountains entdeckt, wo er sich in den 1960er Jahren niedergelassen hatte, nachdem er sein Studium an der Columbia Universität abgebrochen hatte.
Sein erster Beruf in der Bekleidungsindustrie führte ihn in den 1970er Jahren häufig nach Paris. Von dort fuhr er mit dem Zug oft nach Beaune und besuchte die Weingüter in Burgund. Er verliebte sich dort nicht nur in den Pinot Noir, sondern auch in einen Lebensstil, der Essen, Wein und Landwirtschaft miteinander verband. David Hirsch wurde zum autodidaktischen Weinliebhaber und Feinschmecker. Mit seiner Freude an gutem Essen und gutem Wein steckt er sein ganzes Leben lang seine Umgebung an.
Ende der 1980er Jahre hatte er genug von der Bekleidungsbranche. Er wollte sich nun der Landwirtschaft widmen. Zwischen 1990 und 1997 pflanzte er 18 Hektar Reben, zwischen 2002 und 2003 weitere zehn Hektar.
Sein Respekt für sein Land war so groß, dass er zu sagen pflegte: »Die Erschließung der zehn Hektar in den 2000er Jahren war meine Abschlussarbeit, um den Kindergarten zu absolvieren.«
1994 begann David, Trauben an die damals berühmtesten Winzer Kaliforniens zu verkaufen, an Kistler, Williams Selyem und Littorai. Das brachte seinem Weinberg und der Sonoma Coast erste weltweite Aufmerksamkeit. 2026 wird der 33. Jahrgang sein, in dem Williams Selyem und Littorai Trauben von Hirsch kaufen und Steve Kistler war bis zum Schluss ein enger Freund und Trinkkumpan von David Hirsch.
Im Jahr 2002 beschloss er, auf seiner Ranch das eigene Weingut aufzubauen, »um ein besserer Landwirt zu werden«, wie er sagte. Er hatte seine diversen Anpflanzungen auf mehr als 60 verschiedene Parzellen unterteilt, um den dramatischen und plötzlichen Veränderungen in Bodenbeschaffenheit und Lage, die durch die San-Andreas-Verwerfung verursacht wurden, die weniger als eine Meile von Hirsch entfernt verläuft, berücksichtigen zu können. Er bewirtschaftete jede Parzelle einzeln und getrennt, wollte aber auch deren Wein jeweils separat verkosten. Eine Mammutaufgabe, die er »Erdbeben-Terroir« taufte.
Landwirtschaft im Küsten-Redwood-Regenwald am hoch über dem Pazifik ist nichts für schwache Nerven. Hier ein Weingut aufzubauen und zu betreiben, ist extrem herausfordernd. Unbefestigte Straßen, kein öffentliches Wasser und Abwasser, begrenzte Stromversorgung, kaum Menschen in der Nachbarschaft. Um genügend Strom für das Weingut zu haben, baute David eine 10 Meilen lange Stromleitung, um seinen Betrieb ans Netz anschließen zu können. Er nannte sie sein 10 Meilen langes Verlängerungskabel. Um an diesem abgelegenen Ort Weinberge, ein Zuhause und ein Weingut zu erschaffen, brauchte es große Vision, Entschlossenheit und Furchtlosigkeit. David hatte sie.
Nach seiner Auffassung war sein Weingut dazu da, dem Weinberg zu dienen und ihm und seiner Familie zu helfen, bessere Winzer zu werden. Seine Weine sollten ihre Weinberge widerspiegeln, deren Lage, Boden und Mikroklima, nicht aber sein Ego oder irgendwelche stilistischen oder geschmäcklerischen Vorlieben. Bis zum Überdruss predigte er seiner Familie, daß es ihm darum geht, sich in den Weinen auf den Standort zu konzentrieren.
Im Jahr 2011 begann er damit, seine Weinberge, Obstgärten und Gärten auf biodynamische Bewirtschaftung umzustellen. Sie war für ihn die Rückkehr zu seiner ursprünglichen Absicht aus dem Jahr 1980, das Land und dessen Böden ökologisch zu heilen. In der biodynamischen Landwirtschaft sah er für sich die logische Erweiterung seiner persönlichen Spiritualität und seines Verantwortungsbewusstseins gegenüber seinem Land.
David Hirsch war gläubiger Zen-Buddhist, der bis zum Schluss in seiner religiösen Gemeinschaft aktiv war. Er liebte aber auch Mode, war bekannt für seine Borsalino-Hüte, war ein eifriger Leser und als solcher auch großer Büchersammler, und er liebte es zu reisen. Er konnte unglaubliche Geschichten über seine Jahre in der Textilbranche erzählen, seine Arbeit in Asien und seine Reisen durch Europa.
Dann verändert sich sein Leben schlagartig. 2014 hat er einen Traktorunfall, der ihn schwer verletzt und gelähmt in den Rollstuhl zwingt. Ein langer und schwieriger Weg führt zur Genesung, trotz seiner Lähmung schafft er es, sich gut im neuen Leben einzurichten. Er unterstützt seine Tochter Jasmine in ihrer Arbeit als Betriebsleiterin und beschäftigt sich intensiv mit der Biodynamik, kauft sich einen Geländewagen mit Handsteuerung, damit er wieder in die Weinberge kommt und pflanzt weitere zwei Hektar Reben, die demnächst in Produktion gehen. Das erlebt er nun nicht mehr, aber seine Arbeit, seine Energie und seine Gedanken werden fortbestehen.
David hinterlässt seine Frau Marie, seine Kinder Jessica, Jasmine und Joseph, sowie seine Geschwister Adam, Betty, Susan und Daniel.
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