Als Chiara und Michele Penati 2010 ihr »Oltretorrente« gründen, beginnt ein gemeinsames Lebensprojekt, das so zunächst nicht geplant war. Die beiden studierten in Mailand Agrarwissenschaften, hatten aber keinerlei Berührung mit der Welt des Weines. Erst Praktika führen sie auf Weingüter. Prompt beginnt sie der Wein zu interessieren.
Nach Jahren wissenschaftlicher Arbeit an der Uni und praktischer Arbeit auf Weingütern beschließen sie schließlich, sich mit eigenem Weinbau selbstständig zu machen. Im kleinen Weiler Paderna, in den Hügeln im Hinterland von Tortona, im kaum bekannten Südosten des Piemont, finden sie, was sie suchen.
Ihr Winzer-Dasein beginnt mit eineinhalb Hektar Reben, die sie sofort auf biologische Bewirtschaftung umstellen.
Ohne Dach über dem Kopf vor Ort pendeln sie zwischen ihrer Stadtwohnung und ihrem Keller hin und her. Sie produzieren die ersten 5.000 Flaschen. Im Dorf spricht sich herum, daß sie der vergessenen Region neues Leben einzuhauchen versuchen. Einige ältere Dorfbewohner bieten ihnen Parzellen mit altem Rebbestand zur Pacht und zum Kauf an. Sie ziehen nach Paderna, ihre Produktion wächst und ihre Weine beginnen sich über Messen und Artikel in Fachzeitschriften auch international zu verkaufen.
Heute bewirtschaften die beiden sieben Hektar, aufgeteilt in sieben Parzellen unterschiedlichster Lage. Einige ihrer Reben sind bis zu 100 Jahre alt. 2015 bepflanzen sie zwei Hektar in Nordlage in 300 Meter Höhe mit Timorasso, der kaum bekannten großen weißen Rebsorte des Piemont, die erst seit ein paar Jahren wieder Beachtung findet.
Im Bild oben ihre 60 Jahre alte Timorasso-Parzelle, die sie mühsam wiederbeleben mußten. Sie produziert heute ihren wichtigsten Wein, war aber jahrzehntelang »sauber« mit Herbiziden abgespritzt worden. Mittels Gründünung und Komposttees konnten sie deren Bodenleben erfolgreich reaktivieren.
Chiara und Michele besitzen einige der ältesten Barbera-Reben Italiens. Ob sie so alt sind wie die spektakulären Pergola-Reben von Fabio de Beaumont in Kampanien bedarf einer Überprüfung. Immerhin liefern sie eine der erstaunlichsten Barberas Italiens.
Derart alte Reben machen viel Arbeit. Ihre Buschreben sind aufwendig im Rebschnitt und um sie von Produktivität auf Langlebigkeit umzustellen, mußte ihr Erziehungssystem geändert werden. Ihre Erträge liegen unter 30 hl/ha, fallen also extrem gering aus. Doch ihre ursprünglich wurzelechte und hochdiverse Genetik liefert einen einzigartig intensiv duftenden Wein expressiv eigenständigen Charakters und einer Ausstrahlung, Konzentration und Qualität, wie es sie nirgendwo sonst gibt.
Noch vor wenigen Jahren verband man mit Oltretorrente nichts. Es gab kein Logo, keine Unternehmensbroschüre, keine Presse. Heute gehören ihr Timorasso und ihre in gebrauchten Barriques ausgebaute Barbera »Monleale« zu den aufregenden Weinen des Landes.
Chiara und Michele betreiben ihr kleines Weingut aber auch mit einer Leidenschaft und Kompetenz, die nicht nur die Qualität ihrer Weine erklären, sondern auch deren Erfolg auf dem Markt. Zwar wird ihr Piemont mit dem Piemont, das für Barolo und Barbaresco bekannt ist, kaum in Verbindung gebracht, doch ist es Oltretorrente gelungen, zusammen mit ein paar anderen neuen Betrieben, die dort eine dynamische Entwicklung ausgelöst haben, die Hügel von Tortona nachhaltig wieder ins Gespräch zu bringen.
Chiara und Michele verarbeiten ihre Trauben per Ganztraubenpressung, sie vergären ihre Moste konsequent spontan und bauen ihre Weine lange auf der Vollhefe aus. Der Milchsäureabbau, die zweite Gärung, darf natürlich stattfinden und Schwefel setzen sie nur zu, wenn Chemie und Mikrobiologie ihrer Weine ihn verlangen.
Die beiden vergären ihre Weine in traditionellen Betontanks und setzen sie auch für den Ausbau ein, weil sie den Most bis zum fertigen Wein respektvoll begleiten, also Weinberg und Jahrgang nicht kaschieren. Sie bewahren die Komplexität alter Reben und die Frucht der in ihren Rebgärten vertretenen Sorten. Während der Gärung reagieren sie träger als Stahltanks auf Temperaturschwankungen. Sie sorgen so für ungeschminkte Aromatik und Struktur.
Timorasso
So heißt eine weiße Rebsorte, die vor allem in der Region um Alessandria im südöstlichen Piemont beheimatet ist. Sie wurde in den 1980er Jahren wiederentdeckt und gilt heute, zusammen mit dem kampanischen Fiano, als eine der interessantesten und charaktervollsten weißen Rebsorten Italiens. Der breiten Öffentlichkeit ist sie bislang aber kaum bekannt.
Im Bild der terrassierte steile Weinberg, den Chiara und Michele über vier Jahre hinweg mühsam an einem Nordwest-Hang auf vielen kleinen Terrassen mit Timorasso bepflanzten. Der helle Tortoner Boden, ein weißer Mergel, bietet der Rebsorte ideale Bedingungen. Der Hang war einst ein Weinberg, der in der Zwischenzeit aber wegen seiner steilen Lage aufgegeben wurde und mit dichtem Gestrüpp bewachsen war. Der Vorbesitzer wollte den Hang aber wieder unter Reben sehen, kam den beiden deshalb im Kaufpreis entgegen, und so entsteht dort heute, nach Jahren harter Rodungs- und Pflanzarbeit, ein Timorasso besonderen Charakters, ungewöhnlich niedrig im pH-Wert, für die Sorte verhalten im Alkohol, aromatisch nobel und im Mund voller Strahlkraft.
Alte Genetik
Genetik ist das derzeit am meisten diskutierte Thema unter engagierten WinzerInnen. Die genetische Monokultur moderner Massenrebhaltungsanlagen wird für viele Probleme im heutigen Weinbau verantwortlich gemacht. Unterschiede in der Rebgenetik können den Charakter eines Weines mehr prägen als Boden, Klima und Mensch.
Chiara und Michele Penati verfügen über eine Parzelle mit sehr alten Rebstöcken, deren ursprünglich diverse Genetik sich noch von Rebe zu Rebe unterscheidet. Sie hat mit der Monotonie gekaufter Klone aus offizieller Rebzucht nichts gemein. Der Unterschied im Charakter des Weines von diesen alten Reben ist eklatant, man spürt ihn schon mit dem ersten Schluck als robust authentischen Ausdruck einer Herkunft, die man so noch nicht im Glas hatte. Kein anderes Weinland der Welt verfügt in seinen vielen kleinen bäuerlichen Strukturen über so viele unentdeckte Schätze an Rebgenetik, wie Italien. Sie zu heben hat sich eine Winzergeneration zur Aufgabe gemacht, die sich mit Ambition und Können den vielen alten, vergessenen und unbekannten autochthonen Rebsorten des Landes widmet. Die Zukunft Italiens. Bei Oltretorrente zu erleben.
Magie der Herkunft
Guter Wein muß den Charakter seiner Böden, seiner Rebsorten, seines Jahrgangs, sowie das Alter seiner Reben und den Einfluß der Menschen, die ihn zu dem machen, was er ist, fühl- und schmeckbar machen können. Wein ist nicht das x-beliebige alkoholhaltige Getränk, zu dem man ihn gerade machen will, sondern ein kulturelles Naturereignis, das es per sinnlicher Selbstwahrnehmung wertzuschätzen gilt.
Chiara und Michele haben das Glück, sehr unterschiedliche Parzellen bewirtschaften zu können. Im Bild ihre Lieblingsparzelle, in der die roten Barbera und Dolcetto neben den weißen Timorasso, Favorita und Cortese zusammen mit vielen anderen Rebsorten stehen, die noch nicht identifiziert sind, umgeben von Wald, Stille und maximaler biologischer Diversität. Pflanzenschutz ist hier kaum nötig. Die Lage ist nur zu Fuß zu erreichen, ihre Reben müssen händisch bewirtschaftet werden. Daß deren Weine anders sind als Weine, die auf großen Monokulturflächen einheitlicher Genetik entstehen, sollte einleuchten. Sie stehen so auch für den Namen des Weingutes, bedeutet »Oltretorrente« doch nichts anderes als »jenseits des Stromes«.