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Oltretorrente

Chiara & Michele Penati

Ein kleiner engagierter Bio-Betrieb im südöstlichen Piemont, in den Hügeln von Tortona. Alte Reben auf kleinen, historischen Parzellen. Zum Teil an steilen Hängen terrassiert und nur von Hand zu bearbeiten. Alte Lagen, neu bepflanzt mit einer der interessantesten weißen Rebsorten Italiens: Timorasso. Zwei Menschen mit Haltung und profunder Kompetenz. Für Weine, die ihre Herkunft ungeschminkt erlebbar machen.

Region: Tortona | Piemont

Bewirtschaftung: Biologisch

Boden: Ton und Kalkmergel

Rebsorte: Barbera, Dolcetto, Timorasso uv.a.m.

Betriebsgröße: 7 ha


Im Weinhandel wird viel heiße Luft geblasen. Egal ob im konventionellen Wein oder im Naturwein-Business. Da wird in kaum nachvollziehbarem Wortschwall über den Duft philosophiert. Beim Mundgefühl werden die Beschreibungen schon dünner. Und warum ein Wein so ist wie er schmeckt, also wie er zu seinem Charakter kommt (wenn er denn überhaupt einen hat), erfährt man so gut wie nie. Ein unprofessionelles Business. Es läßt die Art und Weise der Bewirtschaftung als zwingendstem Kriterium für Qualität beharrlich außer acht, um sich stattdessen dem geschmäcklerischen Zeitgeist hinzugeben.

Dabei arbeiten Winzerinnen und Winzer ein hartes Weinjahr lang draußen in den Reben dafür, daß man ihre Arbeit in ihren Weinen wiederfindet. Wenn sie dabei keiner individuellen Qualitätsphilosophie folgen, erfüllen ihre Weine die Klischees, die man von ihnen erwartet. Erfolgt die Arbeit entsprechend einer persönlichen Vorstellung von Qualität, fallen ihre Weine anders aus als erwartet: Sie überraschen, verunsichern, regen an, stoßen ab oder erregen Widerspruch, weil sie mehr können als nur irgendwie erwartbar zu »schmecken«.

Chiara und Michele Penati von Oltretorrente haben klare Vorstellungen davon, wie sie ihre Reben bewirtschaften müssen, um jene ursprünglichen Traditionen in ihren Weinen widerspiegeln zu können, die ihnen die alten Bauern im Ort mit ihren Reben anvertraut haben. Sie regenerieren deren Böden und alte Reben über biologische Bewirtschaftung, um so die Identität ihrer Herkunft aus den Hügeln um Tortona ungeschminkt zum Ausdruck bringen zu können. Dazu überlassen sie ihre Weine souverän dem klimatischen Verlauf des Jahrgangs, der Nährstoffversorgung ihrer Böden, sowie der natürlichen Gärung. In den Weinbereitungsprozess greifen sie nur ein, wenn es ihnen nötig erscheint. Es entstehen Naturweine auf der Basis uralter Weinbau-Kultur, die jedes Jahr anders ausfallen, weil sie jene Grenzen ausloten, die ihnen Jahrgang, Klima und Böden von Natur aus vorgeben.

Als Chiara und Michele Penati 2010 ihr »Oltretorrente« gründen, beginnt ein gemeinsames Lebensprojekt, das so zunächst nicht geplant war. Die beiden studierten in Mailand Agrarwissenschaften, hatten aber keinerlei Berührung mit der Welt des Weines. Erst Praktika führen sie auf Weingüter. Prompt beginnt sie der Wein zu interessieren. 

Nach Jahren wissenschaftlicher Arbeit an der Uni und praktischer Arbeit auf Weingütern beschließen sie schließlich, sich mit eigenem Weinbau selbstständig zu machen. Im kleinen Weiler Paderna, in den Hügeln im Hinterland von Tortona, im kaum bekannten Südosten des Piemont, finden sie, was sie suchen.

Ihr Winzer-Dasein beginnt mit eineinhalb Hektar Reben, die sie sofort auf biologische Bewirtschaftung umstellen.

Ohne Dach über dem Kopf vor Ort pendeln sie zwischen ihrer Stadtwohnung und ihrem Keller hin und her. Sie produzieren die ersten 5.000 Flaschen. Im Dorf spricht sich herum, daß sie der vergessenen Region neues Leben einzuhauchen versuchen. Einige ältere Dorfbewohner bieten ihnen Parzellen mit altem Rebbestand zur Pacht und zum Kauf an. Sie ziehen nach Paderna, ihre Produktion wächst und ihre Weine beginnen sich über Messen und Artikel in Fachzeitschriften auch international zu verkaufen.

Heute bewirtschaften die beiden sieben Hektar, aufgeteilt in sieben Parzellen unterschiedlichster Lage. Einige ihrer Reben sind bis zu 100 Jahre alt. 2015 bepflanzen sie zwei Hektar in Nordlage in 300 Meter Höhe mit Timorasso, der kaum bekannten großen weißen Rebsorte des Piemont, die erst seit ein paar Jahren wieder Beachtung findet.

Im Bild oben ihre 60 Jahre alte Timorasso-Parzelle, die sie mühsam wiederbeleben mußten. Sie produziert heute ihren wichtigsten Wein, war aber jahrzehntelang »sauber« mit Herbiziden abgespritzt worden. Mittels Gründünung und Komposttees konnten sie deren Bodenleben erfolgreich reaktivieren.

Chiara und Michele besitzen einige der ältesten Barbera-Reben Italiens. Ob sie so alt sind wie die spektakulären Pergola-Reben von Fabio de Beaumont in Kampanien bedarf einer Überprüfung. Immerhin liefern sie eine der erstaunlichsten Barberas Italiens.

Derart alte Reben machen viel Arbeit. Ihre Buschreben sind aufwendig im Rebschnitt und um sie von Produktivität auf Langlebigkeit umzustellen, mußte ihr Erziehungssystem geändert werden. Ihre Erträge liegen unter 30 hl/ha, fallen also extrem gering aus. Doch ihre ursprünglich wurzelechte und hochdiverse Genetik liefert einen einzigartig intensiv duftenden Wein expressiv eigenständigen Charakters und einer Ausstrahlung, Konzentration und Qualität, wie es sie nirgendwo sonst gibt. 

Noch vor wenigen Jahren verband man mit Oltretorrente nichts. Es gab kein Logo, keine Unternehmensbroschüre, keine Presse. Heute gehören ihr Timorasso und ihre in gebrauchten Barriques ausgebaute Barbera »Monleale« zu den aufregenden Weinen des Landes.

Chiara und Michele betreiben ihr kleines Weingut aber auch mit einer Leidenschaft und Kompetenz, die nicht nur die Qualität ihrer Weine erklären, sondern auch deren Erfolg auf dem Markt. Zwar wird ihr Piemont mit dem Piemont, das für Barolo und Barbaresco bekannt ist, kaum in Verbindung gebracht, doch ist es Oltretorrente gelungen, zusammen mit ein paar anderen neuen Betrieben, die dort eine dynamische Entwicklung ausgelöst haben, die Hügel von Tortona nachhaltig wieder ins Gespräch zu bringen.

Chiara und Michele verarbeiten ihre Trauben per Ganztraubenpressung, sie vergären ihre Moste konsequent spontan und bauen ihre Weine lange auf der Vollhefe aus. Der Milchsäureabbau, die zweite Gärung, darf natürlich stattfinden und Schwefel setzen sie nur zu, wenn Chemie und Mikrobiologie ihrer Weine ihn verlangen.

Die beiden vergären ihre Weine in traditionellen Betontanks und setzen sie auch für den Ausbau ein, weil sie den Most bis zum fertigen Wein respektvoll begleiten, also Weinberg und Jahrgang nicht kaschieren. Sie bewahren die Komplexität alter Reben und die Frucht der in ihren Rebgärten vertretenen Sorten. Während der Gärung reagieren sie träger als Stahltanks auf Temperaturschwankungen. Sie sorgen so für ungeschminkte Aromatik und Struktur.

Timorasso

So heißt eine weiße Rebsorte, die vor allem in der Region um Alessandria im südöstlichen Piemont beheimatet ist. Sie wurde in den 1980er Jahren wiederentdeckt und gilt heute, zusammen mit dem kampanischen Fiano, als eine der interessantesten und charaktervollsten weißen Rebsorten Italiens. Der breiten Öffentlichkeit ist sie bislang aber kaum bekannt. 

Im Bild der terrassierte steile Weinberg, den Chiara und Michele über vier Jahre hinweg mühsam an einem Nordwest-Hang auf vielen kleinen Terrassen mit Timorasso bepflanzten. Der helle Tortoner Boden, ein weißer Mergel, bietet der Rebsorte ideale Bedingungen. Der Hang war einst ein Weinberg, der in der Zwischenzeit aber wegen seiner steilen Lage aufgegeben wurde und mit dichtem Gestrüpp bewachsen war. Der Vorbesitzer wollte den Hang aber wieder unter Reben sehen, kam den beiden deshalb im Kaufpreis entgegen, und so entsteht dort heute, nach Jahren harter Rodungs- und Pflanzarbeit, ein Timorasso besonderen Charakters, ungewöhnlich niedrig im pH-Wert, für die Sorte verhalten im Alkohol, aromatisch nobel und im Mund voller Strahlkraft. 

Alte Genetik

Genetik ist das derzeit am meisten diskutierte Thema unter engagierten WinzerInnen. Die genetische Monokultur moderner Massenrebhaltungsanlagen wird für viele Probleme im heutigen Weinbau verantwortlich gemacht. Unterschiede in der Rebgenetik können den Charakter eines Weines mehr prägen als Boden, Klima und Mensch. 

Chiara und Michele Penati verfügen über eine Parzelle mit sehr alten Rebstöcken, deren ursprünglich diverse Genetik sich noch von Rebe zu Rebe unterscheidet. Sie hat mit der Monotonie gekaufter Klone aus offizieller Rebzucht nichts gemein. Der Unterschied im Charakter des Weines von diesen alten Reben ist eklatant, man spürt ihn schon mit dem ersten Schluck als robust authentischen Ausdruck einer Herkunft, die man so noch nicht im Glas hatte. Kein anderes Weinland der Welt verfügt in seinen vielen kleinen bäuerlichen Strukturen über so viele unentdeckte Schätze an Rebgenetik, wie Italien. Sie zu heben hat sich eine Winzergeneration zur Aufgabe gemacht, die sich mit Ambition und Können den vielen alten, vergessenen und unbekannten autochthonen Rebsorten des Landes widmet. Die Zukunft Italiens. Bei Oltretorrente zu erleben.

Magie der Herkunft

Guter Wein muß den Charakter seiner Böden, seiner Rebsorten, seines Jahrgangs, sowie das Alter seiner Reben und den Einfluß der Menschen, die ihn zu dem machen, was er ist, fühl- und schmeckbar machen können. Wein ist nicht das x-beliebige alkoholhaltige Getränk, zu dem man ihn gerade machen will, sondern ein kulturelles Naturereignis, das es per sinnlicher Selbstwahrnehmung wertzuschätzen gilt.

Chiara und Michele haben das Glück, sehr unterschiedliche Parzellen bewirtschaften zu können. Im Bild ihre Lieblingsparzelle, in der die roten Barbera und Dolcetto neben den weißen Timorasso, Favorita und Cortese zusammen mit vielen anderen Rebsorten stehen, die noch nicht identifiziert sind, umgeben von Wald, Stille und maximaler biologischer Diversität. Pflanzenschutz ist hier kaum nötig. Die Lage ist nur zu Fuß zu erreichen, ihre Reben müssen händisch bewirtschaftet werden. Daß deren Weine anders sind als Weine, die auf großen Monokulturflächen einheitlicher Genetik entstehen, sollte einleuchten. Sie stehen so auch für den Namen des Weingutes, bedeutet »Oltretorrente« doch nichts anderes als »jenseits des Stromes«.

Familie Penati mit Mitarbeitern (links Chiara mit Töchtern, rechts Michele).  

Oltretorrente | Via Cinque Martiri | I-15050 – Paderna (AL) | Erstinverkehrbringer: Gebr. Kössler & Ulbricht GmbH & CoKG

Oltretorrente