Das Béarn, in dem das Jurançon liegt, ist eine paradiesisch schöne Landschaft am Fusse der mittleren Pyrenäen, in der Essen und Trinken fast alle Klischees erfüllen, die wir Deutschen den Galliern so gerne unterstellen.
In den fruchtbaren Tälern wird Getreide angebaut, Ackerfrüchte und Gemüse. Es wird deftig gekocht in der Region. Die regionalen Märkte wirken wie aus dem Bilderbuch unserer kulinarischen Träume. An den kargen Hängen entstehen in winziger Dimension famose trockene Weiß- und noch famosere große Süßweine, auch die kraftvoll gerbstoffbeladenen Madirans kommen aus dem Béarn.
Doch seit einigen Jahren gerät sogar in dieser klimatisch wie kulinarisch paradiesischen Region, die bis vor kurzem als einigermaßen resilient gegen die Folgen der Klimakrise galt, der Himmel aus den Fugen. Langanhaltende Hitzewellen plagen Landwirte und Winzer plötzlich mit völlig ungewohnten Dürreperioden. Die Winter werden zum Frühling, im April gibt es Spätfrost und immer wieder hagelt es in Zeiten, in denen man bisher davor verschont blieb.
Jahr für Jahr verzeichnen die Meteorologen stetig steigende Durchschnittstemperaturen. Die 1,5°C des Pariser Klima-Abkommens sind hier inzwischen Realität. Das bringt den echten Mehltau (Oidium) in Stellung, er mag es warm. Ab 25°C und hoher Luftfeuchtigkeit befällt er die Blätter der Rebstöcke, die sich erst bräunlich verfärben und dann vertrocknen. Ohne Blattwerk keine Photosynthese und damit keine Reifeentwicklung der Trauben.
Im Jurançon blieb man von dieser im 19. Jahrhundert nach Europa eingeschleppten Pilzerkrankung bislang weitgehend verschont. Selten stiegen die Temperaturen in der entscheidenden Wachstumsphase über den kritischen Wert. Das ist jetzt anders und weder Winzer noch Reben sind darauf vorbereitet.
2021 gab es kaum Wein im französischen Südwesten, weil Spätfröste enorme Verluste in den Weinbergen verursachten. 2022 sorgte eine ungewöhnlich lange und intensive Hitzeperiode für katastrophale Trockenheit in den Böden, und 2023 geht in die Geschichte der Region als Mehltau-Jahrgang ein, weil
die hohen Temperaturen, die dort über Monate herrschten, den Pilzbefall zur Katastrophe werden ließen.
Auch Franck Lihour konnte 2023 nur ca. 30 Prozent einer normalen Ernte einfahren. Es gibt deshalb nur einen Wein aus eigenen Trauben, die er mit enormem Aufwand aus seinen Parzellen auslesen mußte. Um überleben zu können, gründete er ein Handelsunternehmen, um aus zugekauften Bio-Trauben einen zweiten Wein (»Autres Pentes«) anbieten zu können.
2024 war für Franck wieder ein »normales« Jahr. Es war zwar »sehr arbeitsintensiv«, wie er sagt, lieferte ihm aber nicht nur ausgezeichnete Qualität, sondern endlich auch mal wieder gute Quantität. Deshalb gibt es 2024 nicht nur seine gesuchten Lagenweine, sondern auch seinen legendären großen Süßwein. Allerdings ist die Arbeitsbelastung in den Reben so hoch geworden, daß er sich schweren Herzens von seinen Kühen trennen mußte. Getreide und Ackerfrüchte baut die Familie aber weiterhin an und im Winter beweiden nach wie vor Schafe die Rebzeilen.
Das bislang milde Klima im Béarn mit viel Feuchtigkeit, aber eingeschränkten Sonnenstunden spiegelt sich in speziellen lokalen Anbaumethoden und Reberziehungsformen wieder.
»Hautain« nennt man dort die traditionelle, ungewöhnlich hohe Erziehungsform der Weinreben, wie man sie oben im Bild sieht. Dabei werden die Triebe an bis zu 2,50 Meter hohen Pfählen oder Drähten in die Höhe geleitet. Weil die Traubenzone weit über dem Boden liegt, sind die Reben weniger anfällig für späte Fröste. Die Höhe hält Blätter und Trauben trocken, was die Ausbreitung von Krankheiten einschränkt. Die Trauben erhalten optimale Sonneneinstrahlung für die Photosynthese, damit die spätreifenden lokalen Rebsorten Petit Manseng und Gros Manseng im Herbst für den trockenen Jurançon sec, aber auch für die edelsüße Variante entsprechend reif gelesen werden können. Im Jurançon ist Handlese vorgeschrieben.
Hier ein Blick in Franck Lihours kleine Parzelle, die seinen begehrten trockenen Jurançon hervorbringt: Tauzy.
Benannt nach einer besonders klein wachsenden lokalen Eichenart, die die Parzelle wie ein Saum umgibt. Ihre visionär nach Osten ausgerichtete besondere Lage verleiht ihrem Boden ausreichend Feuchtigkeit auch in Hitze- Perioden, wird durch die umgebenden Bäume weniger aufgeheizt und zugleich vom permanent wehenden Wind aus den umgebenden Tälern durchspült. Der läßt die Feuchtigkeit im Blattwerk schnell verdunsten und macht so auch in schwierigen Jahren (außer 2023) trockene Jurançons möglich. Die Parzelle wurde erst 2021 mit hochwertigen Massenselektionen von Petit Manseng und Courbu bepflanzt. Trotz ihrer Jugend liefert sie in später Lese (Oktober/November) einen der großen trockenen Jurançons, der ob seiner Frische und Strahlkraft zu den großen der Region gezählt wird.
Das Anbaugebiet der Appellation Jurançon erstreckt sich über 40 km entlang des Gebirgszugs der Pyrenäen. 65 Winzer bewirtschaften dort auf kleinen Parzellen knapp 650 Hektar Reben. Ein winziges Weinbaugebiet, dessen Reben in oft kleinteilig angepasster Topographie ausschließlich an Hängen stehen (Bilder oben).
Franck Lihour arbeitet eng mit Wissenschaftlern zusammen, um zu erforschen, wie die lokalen alten Rebsorten den Herausforderungen der Klimakrise widerstehen. Die noble alte Sorte Petit Courbu macht zwar viel Arbeit, er schätzt sie qualitativ aber sehr hoch ein. Franck setzt auf die alten Sorten der Region, und um die Biodiversität in seinem Betrieb zu fördern, stellte er mit der Übernahme sofort auf biologisch zertifizierte Bewirtschaftung um. Seine vier Einzellagen, die in 19 Mikroparzellen unterteilt sind, behandelt er individuell nur mit wenig Kupfer, Schwefel, Kräutertees und ätherischen Ölen.
Hier ein Blick in den kleinen Gär-Keller, in dem Franck Lihour die Moste nach dem Keltern spontan vergärt. Er baut nur Weine oder einzelne Partien im Edelstahltank aus, mit deren besonderer Frucht er später andere Weine oder Cuvées stilistisch per Assemblage ergänzen kann.
Die lokalen Rebsorten Gros- und Petit Manseng, Petit Courbu und die fast schon vergessene Camaralet ähneln in ihrer standhaften Säure und ihrem einzigartigen Mundgefühl, das von strahlender Frische durchzogen ist, der Rebsorte Chenin Blanc an der Loire. Sie eignen sich wie nur ganz wenige andere für den Ausbau im Holzfass. Der allerdings muß gekonnt sensibel erfolgen, um das Holz der Fässer nicht im Wein dominieren zu lassen.
In seiner Weinbereitung konzentriert sich Franck Lihour ganz auf die Qualität der Trauben. Sie müssen kerngesund sein. Deshalb wird ausschließlich von Hand geerntet und die Pressung erfolgt schonend als ganze Traube.
Alle Weine gären spontan auf ihrer natürlichen Hefe. Für den Ausbau wählt Franck für jeden Wein in jedem Jahrgang das Gefäß aus, von dem er meint, es könnte sein Potenzial bestmöglich zur Geltung zu bringen: Im Edelstahltank hebt er Frucht und Frische hervor; in Holzfässern unterschiedlicher Größe verfeinert er hochwertige Weine auf der Voll- und Fein-Hefe und verleiht ihnen so Länge und Griff, und in kleinen Steingut-Eiern bewahrt er jugendliche Frische und sorgt für prononcierte Weichheit und Fülle.
Vater Christian Lihour bewirtschaftete seinen Hof noch in Mischwirtschaft. Die Familie hatte Kühe und Schafe, produzierte Getreide und andere Feldfrüchte. Der Wein war lukrativer Nebenerwerb im fast ausschließlichen Verkauf vor Ort.
Dann kommt der Sohn nach seinen Lehr- und Wanderjahren nach Hause, und will den Betrieb umbauen. Über derartige Generationen-Konflikte wird ungern in Wein- und Winzerkreisen gesprochen. Sie sind aber omnipräsent und verursachen enorme Schäden, wenn Betriebe in ihrer Entwicklung stehenbleiben und die Jugend demotiviert das Weite sucht. Bei Familie Lihour hat der Wechsel funktioniert. Vater Christian ist stolz auf seinen Sohn, der die Zeitenwende erfolgreich absolviert hat.
Castera
Inhalt: 0.75 l (22,67 €* / 1 l)
Inhalt: 0.75 l (26,00 €* / 1 l)
Inhalt: 0.75 l (34,53 €* / 1 l)
Inhalt: 0.75 l (34,53 €* / 1 l)
Inhalt: 0.75 l (34,53 €* / 1 l)
Inhalt: 0.75 l (36,67 €* / 1 l)
Inhalt: 0.75 l (42,53 €* / 1 l)