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Zweitwein

Der sogenannte Zweitwein ist bekannt geworden durch Bordeaux. Dort werden Weinpartien, die qualitativ nicht für den großen Wein eines Weingutes, den sogenannten »Grand Vin«, ausreichen, zum Zweitwein oder gar Drittwein deklassiert. Die berühmtesten (und hochwertigsten) Zweitweine dort sind »Les Forts de Latour« von Château Latour, »Clos du Marquis« von Leoville Las Cases und »Pavillon Rouge« von Château Margaux.


In Bordeaux werden die Trauben nach der Lese zunächst rebsortenrein vinifiziert und ausgebaut. Je nach Betriebsphilosophie erfolgt dann nach ein paar Monaten oder erst kurz vor der Abfüllung die sogenannte »Assemblage«, bei der über die finale Zusammensetzung der Cuvée aus den verschiedenen Rebsorten entschieden wird. Dabei will man natürlich möglichst viele Partien in den »Grand Vin« integrieren, es geht in Bordeaux schließlich immer um Geld. Das, was nach dieser Assemblage übrigbleibt, wird dann zum Zweitwein deklassiert oder gar, wenn nicht anders möglich, zum Drittwein, der dann aber oft unter anderem Namen auf den Markt kommt, um den Ruf des Hauses nicht zu ruinieren. Der Zweitwein ist nicht zwangsläufig ein schlechter Wein, er wird manchmal sogar identisch dem »Grand Vin« ausgebaut, doch daß der Weinhandel Zweitweine als deren Grand Vin nahezu gleichwertig anpreist, ist fahrlässig und nicht seriös. Viele Zweitweine sind ihr teuer bezahltes Geld einfach nicht wert.


Sie stammen meist von Junganlagen, schlechteren Lagen, schwächeren Fässern oder enthalten Partien, deren Trauben nicht voll ausgereift sind, was z. B. bei Cabernet Franc, Merlot oder Petit Verdot zu sehr rüden und ordinären Grüntönen im Wein führen kann. Nur wenn man Glück hat, enthalten sie Partien, die man für den Grand Vin nicht gebraucht hat, weil er bereits den Vorstellungen entsprach, oder ein Château hat beschlossen, den Grand Vin zu verknappen, um höhere Preise zu erzielen; dann kann der Zweitwein in den grundlegenden Partien durchaus fast dem Grand Vin entsprechen. Solche Zweitweine zu finden setzt aber fundierte Detailkenntnisse über Weinbereitung und Kellerwirtschaft voraus, über die der normale Weinhändler nur in den seltensten Fällen verfügen dürfte.


In aller Regel erzielen Zweitweine kaum den halben Preis des Grand Vin. Lediglich oben genannte Exemplare können auch mal dreistellig kosten, je nach Jahrgang und Marktsituation, und den Kauf trotzdem rechtfertigen.


Grundsätzlich, so unsere Erfahrung, trifft man mit einem Zweitwein (fast) immer die schlechtere Wahl im Vergleich zu einem Privatweingut, das vielleicht weniger bekannt ist, aber engagiert und ambitioniert in Weinberg und Keller arbeitet. Solche Weingüter zu finden braucht großen Aufwand bei der Suche, belohnt in aller Regel aber mit mehr Individualität, mehr Qualität und damit mehr Genuß zum meist günstigeren Preis im Vergleich zum Zweitwein eines bekannten Châteaus, das ihn aus großer Produktion ausgekoppelt hat, weil dort erst die Assemblage im Keller die Qualität des Grand Vin garantiert. Beim kleinen, überschaubaren Familienbetrieb kennt der Winzer seine Reben und produziert die Qualität seines Weines im Weinberg. Er selektioniert dort seine Trauben und braucht keinen Zweitwein, weil seine überschaubare Dimension eine klare und präzise Qualitätskontrolle vor der Kelter möglich macht.

Ein Argument, das nicht von der Hand zu weisen ist. Doch die meisten Bordeauxhändler kennen nur die Keller, sie sind nie in den Weinbergen. Dabei sind deren Dimensionen in Bordeaux gerade bei den bekannten Châteaux oft enorm. Maschinenlese ist auch bei weltberühmten Blue-Chip-Châteaux längst gang und gäbe. Da bleibt nur die Möglichkeit der Qualitätssicherung im Keller mit entsprechender Deklassierung. Deshalb führen wir kaum Zweitweine. Wir machen uns lieber vor Ort auf die Suche nach Alternativen, die es, das zeigt unsere Erfahrung, immer und überall gibt.


K&U®2015