SZ vom 18. Mai | Martin Kössler zum Thema Naturwein.

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Reberziehung

Unter Reberziehung versteht man den Aufbau des Blattwerkes und die Formgebung des Rebstockes durch den Schnitt und die Anordnung seiner Triebe. Man unterscheidet die diversen Arten der Reberziehung nach der Form und Anordnung ihres Fruchtholzes (Bogenerziehung, Ganz-oder Rundbogenerziehung, Kordon, Guyot, etc.).


Die moderne Reberziehung versucht heute möglichst gesunde und ausgereifte Traubenqualität mit möglichst sicherer Quantität im Ertrag und rationeller Bewirtschaftung der Reben zu vereinen. Dadurch hat sich in den letzten 30 Jahren die Reberziehung grundlegend verändert.

Benutzte man damals arbeitsaufwendige Erziehungssystem wie Einzelstockerziehung, Ganz- oder Rundbogenerziehung oder niedrige Drahtrahmenanlagen, arbeitet man heute vorwiegend mit hoher und weit aufgespannter Drahtrahmenerziehung, die ein ausgewogenes Blatt-Frucht-Verhältnis ermöglicht, gute Durchlüftung für weniger Pilz- und Schädlingsbefall bietet, große Blattfläche für optimale Photosynthese bereithält und zugleich sinnvoll ökonomisch bewirtschaftbar ist.


Doch so einfach, wie es hier klingt, ist es nicht. In Zeiten des Klimawandels mit zum Teil extremer Sonneneinstrahlung, die zu Sonnenbrand auf den Trauben führen kann, die den Wein bitter macht, und langen Hitzeperioden, die bei zu großer Blattfläche zu große Verdunstungsoberfläche bieten würde, denkt man darüber nach, wie man die Trauben besser vor Sonne, Hitze und Fäulnis zugleich schützen kann.

So kommt man z. B. im mediterranen Raum rund ums Mittelmeer wieder auf die zwar arbeitsintensive, aber altbewährte Einzelstockerziehung, das gute alte Gobelet, zurück, das man in den letzten Jahrzehnten fast schon ideologisch verblendet mittels enormer EU-Subventionen auszurotten versucht hat. Zum Glück gab es Winzer (wie unsere), die von den alten Rebstöcken besondere Weine machten und sie so vor dem Untergang bewahrten. Das luftig lockere Blattwerk des Gobelet schützt die Trauben vor der Sonne, durchlüftet die Traubenzone und verhindert zu große Verdunstung im Laubwerk.

In der Reberziehung ist durch den Klimawandel also gerade vieles im Fluß, an das man vor ein paar Jahren nicht zu denken gewagt hätte. So baut man auf den Steillagen der Mosel, der Saar, der Nahe oder des Rheingaus die Reben noch in traditionellen Reberziehungsformen an, die sich dort bestens bewährt haben und deshalb auch beibehalten werden. Auch an der Nordrhône oder im Languedoc gibt es Reberziehungsformen, die archaisch sind und extrem arbeitsaufwendig, sich aber bestens bewähren und deshalb neue Wertschätzung erfahren.

Bei der Reberziehung geht es durch den Klimawandel, vor allem im ausgereizten neuen Qualitätsweinbau, nicht mehr um maximalen Ertrag, maximale Maschinenanpassung und maximale Wirtschaftlichkeit, sondern um möglichst optimale Anpassung der Physiologie der Rebe und Traube an Standort, Klima und Bewirtschaftung, für eine Qualität, die im Keller nicht korrigiert werden muß durch Auf- oder Entsäuerung, Schönungen oder Entalkoholisierung.

 

Im Bild oben links sieht man z. B. einen klassischen (und berühmten) Cabernet-Sauvignon-Weinberg bei St. Helena, mitten im Napa Valley, mit einer dort häufigen Reberziehungsform, die außerhalb des berühmten Weintales nur selten anzutreffen ist, der Lyra.

Sie erlaubt insbesondere der berühmten Rebsorte Cabernet Sauvignon, dass sie sich auswachsen kann. Durch die niedrige Stockdichte und die enorme Spannbreite der Triebe können wüchsige Rotweinrebsorten wie Cabernet auf nährstoffreichen Böden wie im Napa Valley ihrem vegetativen Treiben nachgehen, um dafür dann um so früher auf das so wichtige generative Wachstum, sprich die aromatische und phenolische Reife, umzuschalten. Würde man auf wüchsigen Standorten wie im Napa Valley Cabernet wie in Europa kurz anschneiden und kleine Laubwände erziehen, müsste man immer wieder den vegetativen Wuchs abschneiden, was die Pflanze so stressen würde, daß sie nicht oder erst sehr viel später auf die für die Entwicklung der Gerbstoffe und Aromastoffe so wichtige generative Reife umschalten würde.

Es ist diese spezielle Reberziehung der Lyra, die mit ihrer hohen belichteten Blattoberfläche die aromatische Reife der Trauben besonders gut entwickeln läßt. So fördert eine ideal adaptierte Reberziehung die legendäre aromatische Tiefgründigkeit und einmalige Qualität der Gerbstoffe in großem Napa Valley Cabernet.


© K&U