SZ vom 18. Mai | Martin Kössler zum Thema Naturwein.

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Pestizide

Pestizidrückstände im Wein.
Wir sprechen dieses heikle Thema offen an, denn Vogelkundler können die dramatische Ausrottung vieler Vogelarten aufgrund der Auswirkungen von Herbiziden und Insektiziden auf deren Nahrungskette beweisen; Biologen bestätigen ähnliches für die Insekten- und Artenvielfalt generell; die dramatische Zunahme von Allergien, Krebs, Immunsystemschwächen, Hautkrankheiten, Atemwegserkrankungen, Demenz etc. mag, trotz bislang fehlenden direkten Nachweises, immerhin Indiz dafür sein, daß auch der Mensch durch den regelmäßigen Verzehr von mit Pestiziden belasteten Lebensmitteln gefährdet ist.
Trotzdem setzt die moderne Agrarindustrie statt auf Arbeitskraft auf immer intensiveren Einsatz von Chemie, sprich von Pestiziden. In 41% aller Lebensmittel wurden Pestizide nachgewiesen. Die hohe Wahrscheinlichkeit, Pestizidrückstände in Lebensmitteln aller Art zu finden, beweist, wie sehr die konventionelle Agrarindustrie inzwischen der chemischen Keule vertraut, auf Produktion gegen statt mit der Natur zu setzen.
In der EU werden 105 Millionen Hektar Agrarfläche bewirtschaftet. Die Monokultur Wein nimmt davon nur 3,5% ein, ‚verbraucht’ darauf aber rund 15% der insgesamt versprühten Pestizidmenge, nach dem Getreideanbau der zweithöchste Pestizideinsatz. Statt auf den fungiziden Einsatz von anorganischem Schwefel, einem gesundheitlich harmlosen, gut wirksamen chemischen Element, billiges Abfallprodukt der Petrochemie, das im Weinbau traditionell zur Bekämpfung des echten und falschen Mehltaus eingesetzt wird, setzen seit Anfang der Neunziger Jahre immer mehr Winzer hocheffiziente synthetische Fungizide ein, die bislang nicht im Weinbau zum Einsatz kamen. Pestizide müssen weniger oft gespritzt werden und sind hochwirksam, sparen also Zeit, Sprit und Arbeit, und werden deshalb im konventionellen Weinbau mehr als bei jedem anderen Agrarprodukt eingesetzt – außer den Kartoffeln, die noch mehr ‚brauchen’.
Synthetische Insektizide findet man heute überwiegend im agrarindustriellen Billigweinbau oder aber im Spitzenweinbau, der keinerlei Risiko eingehen will, wie z. B. den Cru Classés in Bordeaux. Der qualitativ hochwertige Weinbau ,wie wir ihn ausschließlich anbieten, hat synthetische Insektizide weitgehend durch die inzwischen weit verbreitete Pheromon-Verwirrmethode ersetzt.
Im Wein ist der Sachverhalt ‚Pestizid’ komplex, denn auch im ökologischen Landbau muß gespritzt werden, zwar nicht mit synthetischen Pestiziden, aber mit Kupfer. Doch im Vergleich zum Rest der Landwirtschaft scheint die Herausforderung im Weinbau überschaubar.
Neben der Boden- und Laubwerksarbeit sind es maßgeblich die Pestizide, die den konventionellen vom Bio-Winzer unterscheiden. Zumindest auf qualitativ hochwertigem Niveau nimmt aber inzwischen auch der konventionelle Weinbau das Thema Pflanzenschutzmittel-Rückstände sehr ernst. Es ist schließlich der Winzer selbst, der in der Vegetationszeit täglich nicht nur beim Spritzen sondern auch bei den Laubarbeiten die dort ausgebrachten Substanzen in großen Mengen aufnimmt. Es ist aber noch nicht lange her, daß sich der konventionelle Weinbau kritisch mit dem Pestizideinsatz im Weinberg auseinandersetzt. Vielleicht stellen deshalb vor allem engagierte Winzerbetriebe auf ökologischen Weinbau um, denn nur er kommt ohne chemisch-synthetische Pflanzenschutz- und Düngemittel aus. Derart kritischen, engagierten Winzern widmen wir unser K&U-Programm getreu unseres Mottos: "Mehr als nur Bio".
Lassen Sie sich also bitte nicht die Lust an Essen und Trinken, am Genuß insgesamt, vermiesen. Achten Sie in Zukunft einfach etwas mehr darauf, was Sie wo einkaufen.