SZ vom 18. Mai | Martin Kössler zum Thema Naturwein.

You're currently on:

Hefig

Als »hefig« bezeichnet man Weine, die in Geruch oder Geschmack an frische Hefe erinnern. Hefig ist eine geschmackliche Feststellung, es ist kein Qualitätsurteil. Ein Wein, der nach frischer Bier- oder Backhefe duftet ist nicht fehlerhaft, sondern zeigt seinen Ausbau. Derart hefige Aromen können ein breites Aromenspektrum abdecken. Sie treten vor allem bei frisch gefüllten jungen Weinen auf, die lange auf der Voll- oder Feinhefe reiften. Weine, bei deren Weinbereitung Hefe eine tragende Rolle spielt, wie z. B. im französischen Jura in Arbois und Umgebung oder bei traditionellen Moselweinen, können so vom Geruch nach Hefe und deren natürlichen Zersetzungsprodukten dominiert sein, daß man ihnen unterstellt, sie würden nach Schwefel riechen. Der berühmte Muscadet sur lie verbindet seinen Hefegeschmack (goût de lie) mit der noch leicht schäumenden Spritzigkeit seiner natürlichen Gär-Kohlensäure, wozu er bewußt direkt von der Hefe (sur lie) abgefüllt wird, um die köstliche Frische des Hefelagers zu konservieren. Auf der Flasche verliert sich dieser Geschmack nach ein paar Monaten, der Wein bleibt aber frisch und pikant. Schaumweine, insbesondere große Vintage-Champagner, die jahrelang auf der Hefe reiften, schmecken prägnant und exemplarisch hefig; ihr charakteristisch reifer, warmer Briocheteig-Charakter, ihr Duft nach frischen Croissants, Sauerteig und Werthers Echten-Karamellbonbons steht für die autolytische Zersetzung der Hefen über die Jahre. Um das zu mögen, muß man es kennen. Um den Begriff hefig praktisch zu erleben taugt am besten guter frischer Federweißer. Exemplarischer kann man hefige Aromen kaum erleben und erriechen.