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Das »richtige« Weinglas

In den zurückliegenden Jahrzehnten haben die Glas-Hersteller eine Vielzahl von Glasformen für den Weingenuß entwickelt. Diese Diversifikation sieht in manchen Serien ein gutes Dutzend unterschiedlich großer und unterschiedlich geformter Weingläser vor – Aperitif-, Digestif- und Schaumweinkelche nicht mitgezählt.


Ein Glas für jede Rebsorte beziehungsweise jeden großen Weintypus der Welt zu besitzen, scheint uns aber wenig sinnvoll. Wer ständig Glasform und Glastypus wechselt, wird nämlich die vielfältigen Unterschiede von Traubensorten, Regionen, Böden, An- und Ausbaumethoden kaum wirklich wahrnehmen, weil das Glas über den Wein dominiert.

Um diesen Einfluß des Glases auf einen bestimmten Wein nachvollziehen zu können, probieren Sie diesen ganz einfach aus allen möglichen Gläsern, die Ihr Haushalt zu bieten hat. Sie werden staunend erleben, wie ein Glas die Entfaltung der Aromen eines Weines fördern, aber auch beeinträchtigen oder gar zerstören kann.

Das liegt an der Form, die über das Verhältnis von der Oberfläche des Weines im Glas zur Höhe des Kanals bis zur Größe der Öffnung die vielfältigen Inhaltsstoffe in ihrer aromatischen Wirkung und Intensität beeinflusst.

Das liegt aber auch an der Wandstärke des Glases und einem längeren Stiel unter dem Kelch. Beide sind für den Trinkgenuß entscheidend:

Eine dünne Wandstärke läßt den Wein an jener sensorisch wichtigen Stelle auf der Zungenspitze auftreffen, die nicht nur Süße, Säure und Bitterkeit schmecken läßt, sondern auch Temperatur, Viskosität, physikalische Struktur der Tannine (im Rotwein), Salzigkeit und Mineralität (beim Weißwein). Nur ein dünnwandiges Glas läßt Trinkfluß physisch fühl- und spürbar aufkommen.

Der längere Stiel schließlich vermeidet, daß die Temperatur des Weines, die für seinen Genuß wichtiger ist als man gemeinhin denkt, durch die Wärme der Hand diesen aromatisch ungünstig beeinflußt. Warm werdender oder zu warm servierter Wein verändert chemisch und physikalisch die Bindungskräfte und die Bindungsfähigkeit vieler Aromabestandteile.

 

Das mit den Gläsern ist wie mit den HiFi-Anlagen oder Autos:

 

Nur weil du »die beste« Anlage kaufst, kannst du noch lange nicht Musik hören. Nur weil du »das beste« Auto kaufst, kannst du noch lange nicht Auto fahren. Nur weil du »das beste« oder »richtige« Glas kaufst, verstehst du Wein nicht automatisch besser oder gar »richtig«.

Der Profi kann Wein auch aus dem Pappbecher genießen, weil er Kontext und Raster im Kopf hat, die er virtuell ergänzen kann. Der Einsteiger muß erst mal das Werkzeug in seiner Funktion erleben, um den Inhalt respektieren zu lernen. Gute Gläser tun nichts anderes, als für Respekt vor dem Inhalt zu sorgen, Aufmerksamkeit zu schaffen, Fokussierung auf das, was kommt. Erst dann kann ihre technische Funktion zum Tragen kommen.


Viel Spaß also mit dem Glas, das zu Ihnen und Ihrer Weinerfahrung paßt.


© K&U