SZ vom 18. Mai | Martin Kössler zum Thema Naturwein.

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Zeit im Wein®

Faszination Zeit im Wein"®. Langsamer Wein®
Es ist die Zeit, die den Unterschied zwischen „schnellem“ Technik- und „langsamem“ Genußwein verständlich macht. Ein Unterschied, der riech- und schmeckbar ist, bei Weißweinen noch sehr viel unmittelbarer und deutlicher als bei Rotweinen.
Weinbau ist Monokultur. Deshalb braucht nicht agrarchemisch basierter Weinbau viel Arbeitszeit und Nachhaltigkeit: Zeit für das Verständnis der natürlichen komplexen Vorgänge im Weinberg; Zeit für Arbeit an Boden, Rebe und Laub – der Basis für Weinqualität; Zeit für kerngesunde Trauben – weshalb sich der „langsame Weinbau“ weltweit in der Spitze zunehmend biodynamischen Anbaukriterien als Voraussetzung für guten Wein zuwendet. Für den Winzer bedeutet das rund ums Jahr harte Arbeit im Weinberg.
Sind die Trauben gelesen, kommt auch im Keller die Zeit ins Spiel; für Schalenkontakt, Vergärung, Ausbau und Reife. Langer Hefekontakt und Ausbau im traditionellen Holzfaß vollenden die langsame Weinwerdung zu einem Zeitpunkt, wo der „schnelle Wein“ schon längst im Verkauf ist. Die veränderte Chemie „langsamer Weine“ liefert ein vielschichtiges Geschmacks- und ein zunächst verhaltenes Geruchserlebnis, das auch im Glas Zeit braucht, um seine tiefgründige Komplexität zu entfalten. Deshalb sollten „langsame“ Weißweine unbedingt dekantiert werden. Sie reifen auf der Flasche hervorragend und unterscheiden sich dann in Duft und Geschmack so nachhaltig von ihren „schnellen“ Gegenspielern, daß selbst der Wein-Neuling „Langsamkeit“ und „Schnelligkeit“ im Wein nachvollziehen kann.
Guter Wein ist ein Beispiel dafür, daß handwerklicher, kenntnis- und erfahrungsreicher Umgang mit der Natur von dieser mit Qualität, also mit Genuß, belohnt wird. Genuß aber braucht Erfahrung und diese wiederum braucht - Zeit.
Das hieß in unseren fünfundzwanzig Jahren Handel mit Wein Tausende verkosteter und erlebter Probeflaschen. Sie sorgten, Flasche für Flasche, für eine sich langsam entwickelnde Vorstellung davon, was Wein sein kann. Viele „schnelle“ Sommeliers und Weinschreiber werden heute ganz schnell berühmt und geben noch schnellere Weisheiten von sich, die immer schneller von gestern sind. Mit profunder Kennerschaft hat das eitle und schnelle Bewertungs-, Bepunktungs- und Verkostungsbusiness der heutigen Zeit aber herzlich wenig zu tun. Genuß kann nur mit Muße erlebt und bewußt gesteigert werden. Genuß braucht keine Punkte, Genuß braucht Zeit. Zeit für Verständnis und Neugier auf guten Wein.