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Alte Reben

Alte Reben. Schmeckbare Geschichte.

 

Um alte Reben wird heute viel Brimborium gemacht. Sie heißen »Old Vines« auf Englisch, »Viti Vecchie« auf Italienisch, »Cepa Vieja« auf Spanisch und »Vieilles Vignes« auf Französisch und werden als solche oft auf den Etiketten ausgewiesen, um zu signalisieren, daß ihre Weine besonders sind. Doch sind sie das auch wirklich?

 

Ab wann gelten Rebstöcke als »alt«? 

 

Als internationale Konvention gelten 40 Jahre und älter. In Südafrika gelten Reben schon mit 30 -35 Jahren als alt, in Kalifornien stehen die wohl ältesten noch produzierenden Reben der Welt, gepflanzt zwischen 1880 und 1910. Bei uns in Deutschland, wo die Wirtschaftlichkeit stets über der Qualität steht, gelten alte Reben noch heute als »unwirtschaftlich«. 

 

Alte Reben spiegeln nicht nur für sentimentale Weingeister den Boden und den Ort wider, auf dem sie wachsen, bei ihrem Anblick kommen auch ganz normalen Weintrinkern die heißen Sommer und eiskalten Wintertage in den Sinn, die sie über Jahrzehnte ertragen mußten; sie stehen dort noch heute, weil es Menschen gab und gibt, die sie als Denkmal für den Respekt des Winzers vor seinem Wein verstehen, als Kulturgut also, und sie deshalb über all die Jahre hegten und pflegten. Alte Reben sind lebendige Geschichte. Sie haben, wenn sie wirklich alt sind, die industrielle Revolution ebenso überstanden, wie die Weltwirtschaftskrise, zwei Weltkriege und den Glauben an den Fortschritt.  Sie verdienen also unseren Respekt, auch weil sie verdammt guten Wein hervorbringen können.

 

Bringen alte Reben besseren Wein hervor?

 

Nur, wenn sie nicht in der schlimmsten Phase des Weinbaus, den 1970er Jahren bis heute, gepflanzt und nicht mit dem üblichen Kunstdünger auf Hochleistung getrimmt wurden. Dann nämlich wurzeln auch alte Reben nur oberflächlich, weil die Nahrung von oben kommt; dann ist der Effekt alter Reben, eine tiefe Verwurzelung mit niedrigen Erträgen, kleinen, hocharomatischen Beeren und einer vom hohen Holzanteil geprägten Reife und Rebphysiologie, futsch und der Wein schmeckt tatsächlich nicht besser oder schlechter als der von jungen Reben. Daher stammt auch das typisch deutsche Durchschnitts-Winzer-Statement, daß alte Reben keinen Unterschied machen für die Weinqualität. Ein sich selbst entlarvendes Urteil ...

 

Wenn die Rebstöcke sehr alt sind, also aus der vorindustriellen Phase des Weinbaus stammen wie in Kalifornien, besitzen sie eine hochdiverse Genetik, von der heutige Winzer und Rebzüchter nur träumen können. Dann wurzeln sie auch enorm tief, auch wenn sie in den Zeiten des Fortschritts danach gedüngt und gespritzt wurden. Nur solche alten Rebstöcke zeigen dann auch den typischen Alte-Reben-Charakter, um den es uns hier geht.  

 

Dann sorgt ein hohes Reb-Alter für mehr Intensität in Aroma und Geschmack, für innere Frische ohne Hitze und Alkoholdominanz, für ein räumlich komplexes, schwer zu beschreibendes Mundgefühl, das weniger laute Frucht oder eindeutigen Sortencharakter offenbart als einen verhalten wirkenden, leisen, dafür aber durchdringend würzigen Einfluß des Ortes, also der Herkunft im weitesten Sinne und des Bodens. Die Tatsache, daß ein so alter Weinberg so lange überlebt hat, bedeutet, daß er seinen Winzer über einen langen Zeitraum wirtschaftlich glücklich gemacht hat, die Reben also trotz ihres hohen Alters qualitativ hochwertige Trauben lieferten, die der Winzer offensichtlich wirtschaftlich zu nutzen verstand. Er hätte sie sonst längst gerodet. Der wichtigste Punkt aber ist, daß alte Reben eine genetische Vielfalt besitzen, die sie in den Augen »moderner« Winzer im Vergleich zu deren stets überversorgten Turbo-Reben zu leiden lassen scheint, durchaus auch kränkelnd wirken läßt, so aber Trauben hervorbringt, die eine balanciertere, weniger aggressive Reife-Physiologie zeigen. Ihre phenolische Reife geht mit niedrigerem Alkoholgehalt einher und führt zu einer eleganten, weniger fruchtbetonten Stilistik, die eine komplexe aromatische Tiefgründigkeit besitzt, die junge Reben niemals zeigen.

 


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