Dynamische Côtes du Rhône
  • Von Martin Kössler
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  • 25.06.2022
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  • Unterwegs

Während bei uns in Deutschland über Nachhaltigkeit im Weinbau und im Wein nur sehr verhalten diskutiert und stattdessen lieber kräftig gegreenwashed wird, hat sich Frankreichs zweitgrößtes Weinbaugebiet, die Côtes du Rhône im Süden des Flußlaufes, des Themas Nachhaltigkeit nachhaltig angenommen. Das war auch dringend nötig, wie man im Bild oben sieht, das exemplarisch tote Böden des konventionellen Anbaus an der Südrhône zeigt.

 

Wie überall auf der Welt sieht man sich auch hier mit enormen Problemen durch den Klimawandel und seine Folgen konfrontiert. Vor allem die zunehmende Trockenheit macht den Weinbaugemeinden entlang der Rhône zu schaffen. Der übermäßige Glyphosat- und Düngereinsatz der letzten Jahre hat auch dort die Böden ausgelaugt, ausgetrocknet und in ihrer Oberflächenstruktur biologisch, chemisch und physikalisch zerstört. Eine der vielen Folgen ist Winderosion in dramatischem Ausmaß. So registrieren viele Gemeinden im Süden des Flußtales seit einigen Jahren ungewohnte Bemoosung in ihren Städten und Dörfern. Den Grundstoff liefert jener feine Flugsand, den der Mistral durch das Rhônetal treibt, auf dem Algen und Moose dort wachsen können, wo der Wind ihn angetrieben hat. War früher der Himmel glasklar und blau, wenn der trockene Mistral durch das Rhônetal blies, treibt er heute eine braune Smogwolke feinster Staubpartikel durch das Tal.

 

Bioweinberg mit Dauerbegrünung an der Côtes du Rhône

 

Ein weiteres Riesenproblem droht die Trinkwasserqualität zu werden. Die staatliche »Agence de l´eau« mißt an 122 Meßstellen im Tal die monatliche Belastung durch Pestizide im Trinkwasser. Es sind vor allem Carbofurane, Ampa (das Zerfallsprodukt von Glyphosat) und das Glyphosat selbst, die man neben weiteren, vor allem Insektiziden, im Trinkwasser der Gemeinden im Flußtal nachweisen kann. Die am meisten belasteten Zonen sind überall dort, wo Weinbau betrieben wird.

Das allerdings trifft nicht nur auf das Rhônetal zu. Es gilt für alle Weinbaugebiete Frankreichs und der ganzen Welt: Die nachweislich höchste Pestizidbelastung in der Landwirtschaft geht auf das Konto des konventionellen Weinbaus. Weltweit. Besonders schlimm erweist sich in Frankreich die Belastung in Chablis und Bordeaux. Die Trinkwasserqualität wird dort zum Riesenproblem. Die EU hat diesbezüglich Frankreich bereits mehrfach verwarnt. Das Problem ist hinreichend bekannt. Passieren tut bislang wenig bis nichts (Siehe die aktuelle Karte der Wasserqualität in Frankreich der Verbraucherzeitschrift »Que Choisir«.)

 

Doch nicht nur die Trinkwasserqualität ist bedenklich, inzwischen wird auch das Trinkwasser selbst knapp. Immer früher im Jahr erreichen viele Gemeinden im Süden Frankreichs den Zeitpunkt, ab dem die im Süden so beliebten Swimming-Pools nicht mehr aufgefüllt und Gärten nicht mehr beregnet werden dürfen, weil Wasser knapp wird.

Zwar bringt das sich verändernde Wetter heftigste Sturzfluten mit sich, die auf den ausgetrockneten landwirtschaftlichen Nutzflächen aber zum Teil massive Erosionsschäden verursachen, wertvolle Krume abschwemmen und sich in rauschend braunen Sturzbächen den Weg durch Dörfer, über Strassen und Rinnsale, die zu reißenden Fluten anschwellen, ins Tal suchen. Sie bringen immer heftigere Zerstörungen mit sich (wie bei uns, siehe die Katastrophe im Ahrtal). Während früher langanhaltende Landregen die Böden nachhaltig durchnäßten und so halfen, das Grundwasser aufzufüllen, fließt ihr Wasser heute von den Böden ungenutzt ab, weil diese es durch mangelnde Durchwurzelung und fehlendes Bodenleben nicht mehr aufnehmen und speichern können.

 

Sommerlicher Gewitterhimmel über dem Rhonetal

 

Daß die zunehmende Trockenheit auch auf die systematische Zerstörung der landwirtschaftlichen Böden im konventionellen Anbau zurückzuführen ist, die wiederum komplexe Rückkoppelung auf das Klima zur Folge hat, ist zunehmend verstanden und wissenschaftlich erklärbar. Wenn sinnvoll wurzelnde Begrünung auf landwirtschaftlichen Böden flächendeckend fehlt, wenn Bäume und Hecken »bäuerlicher Effizienz« in existentiellem Ausmaß weichen müssen und alte, über Jahrhunderte gewachsene Kulturlandschaften buchstäblich ausgeräumt werden, wenn Gärten zu leb- und laublosen antinatürlichen Nutzflächen verkommen, kann es nicht zur Taubildung kommen, nicht zu Verdunstung und Wolkenbildung, kann Wasser selbst in kleinsten Mengen weder im Boden gespeichert noch zur Verfügung gestellt werden, es wird eine Kaskade komplex miteinander vernetzter Mechanismen aus ge- oder gar zerstörten Kreisläufen in Gang gesetzt, die sich u. a. auch zu sich lokal, regional oder auch überregional verändernden Wetterlagen aufschaukeln kann.

 

All dieser Mechanismen ist man sich in Frankreich inzwischen sehr bewußt. Deshalb bietet der Staat eine Vielzahl von Förderprogrammen für Winzer und Landwirte an, die bereit sind, von der konventionellen Bewirtschaftung auf regenerative Methoden umzustellen. Es gibt Förderungen für grundsätzliche Beratung zur Umstellung, für alternative Bepflanzung und Begrünung, zur Vogel- und Fledermaus-Ansiedlung als natürliche Insektizide, für Agroforst- und Agroökonomie-Projekte, für Bodenanalysen etc. etc…. wir kennen Winzer, die diese Förderungen in Anspruch genommen haben und erstaunt waren, wie weit sie gehen und wie sehr sie dabei unterstützt wurden. Genau deshalb sind sie aber auch so entsetzt darüber, daß nur wenige ihrer Berufskollegen diese Förderungen nutzen.

 

So sehen noch immer viele Weinberge an der südlichen Rhône (und nicht nur dort) aus. Langjähriger Glyphosateinsatz hat die Böden zerstört. Das soll und wird sich ändern.

 

Der Winzerverband der südlichen Rhône hat verstanden, daß die Zukunft im Weinbau dort nur in Qualität liegen kann. Daß diese weit mehr sein muß als nur geschmackliche Qualität, macht seine Bemühungen um mehr Nachhaltigkeit im Weinbau aufwendig und langwierig. Denn die Côtes du Rhône ist vor allem genossenschaftlich geprägt. Der größte Teil ihrer Rebfläche wird von Genossenschaftsmitgliedern bewirtschaftet, die in 91 Genossenschaften organisiert sind, die 59% der Menge an Wein produzieren. 36 % der Menge werden von rund 1500 familiären Winzerbetrieben abgefüllt und 5% der Menge sind Handelsabfüllungen.

Unter den familiengeführten Weinbaubetrieben haben bereits über zehn Prozent auf biologische Bewirtschaftung umgestellt, Tendenz kontinuierlich steigend. Deshalb konzentriert sich der Winzerverband der Côtes du Rhône jetzt auf die vielen Genossenschaftsmitglieder, denen er im Rahmen des stattlichen HVE-Programmes (Haute Valeur Environnementale) die Möglichkeit der Beratung zur Umstellung auf umweltfreundlichere Bewirtschaftung bietet.

Sie wollen mitgenommen werden auf die Reise zu mehr Nachhaltigkeit durch eine gänzlich andere Form der Bewirtschaftung. Mit jedem Umweltskandal, jeder bekanntwerdenden Wasser- und Bodenanalyse, jeder Überschwemmung und Zerstörung durch Naturereignisse wächst der Druck auf konventionell wirtschaftende Winzer und Landwirte. Verbraucher und Markt fordern nicht nur mehr Nachhaltigkeit ein, sie fordern auch zunehmend mehr Transparenz in der gesamten Produktionskette. Das setzt die konventionelle Landwirtschaft und ganz besonders den konventionellen Weinbau mächtig unter Druck.

 

Bioweinberg mit entsprechender Bodenbewirtschaftung

 

Der Weg zu mehr Nachhaltigkeit ist weit, hart und zäh. Auch entlang der Rhône haben sich die meisten Winzer, wie auf der ganzen Welt, in den letzten fünfzig Jahren an die bequeme und vermeintlich sichere agroindustrielle Bewirtschaftung gewöhnt. Sie haben ihr gesamtes Bewirtschaftungssystem darauf aufgebaut und selbst ihre Preisgestaltung hängt am Tropfer der Agrochemie. Jetzt, wo in den Weinbergen immer weniger funktioniert, wo die Ernte-Ausfälle größer und die Erträge niedriger werden, wo die Böden ausgelaugt sind und keine Widerstandsfähigkeit mehr gegen Trockenheit und Hitzefolgen zeigen, ist die Hilflosigkeit plötzlich groß.

Doch viele Bauern- und Winzer-Verbände, vor allem auch bei uns in Deutschland, mauern verbissen. Offizielle wollen ihren Mitgliedern Kosten und Nachdenken ersparen, den Status quo möglichst erhalten und die Kosten dafür auf die Allgemeinheit abwälzen, in dem sie nach staatlichen Hilfen rufen, nach Subventionen und – natürlich, wie sollte es anders sein – nach Bewässerung. Nachzudenken und die Dinge selbst anzugehen, sich mit nötigem Wandel und neuem Denken zu beschäftigen, im Weinbau vielleicht auch mal vom Wissen der Landwirtschaft zu profitieren, scheint verdammt schwer zu fallen.

 

An der Südrhône ist Wasser noch knapper als bei uns in Deutschland, die Trockenheit ein noch viel existentielleres Problem, weshalb der Winzerverband der Côtes du Rhône nun genau hier in seinen Bestrebungen zu mehr Nachhaltigkeit ansetzt.

 

Er bietet den Mitgliedern der vielen Genossenschaften im Tal Veranstaltungen an, in denen externe Wissenschaftler zum Beispiel über Vogel- und Fledermaus-Schutzprojekte zur natürlichen Schädlingsbekämpfung im Weinberg informieren. Es werden Bodenseminare angeboten, in denen der Sinn und Zweck gezielter Begrünungs- oder Bearbeitungsmaßnahmen in den Weinbergen erläutert wird, die das Bodenleben fördern. Es herrscht Übereinkunft, daß wieder Leben in die Böden kommen muß, um Wasser halten und Feuchtigkeit speichern zu können. Dazu darf aber nicht mehr künstlich gedüngt und auf die (verbotene) flächendeckende Ausbringung von Herbiziden muß grundsätzlich verzichtet werden.

Doch die Zusammenhänge zwischen Boden und Klima, Bodenleben und Weinqualität, langjährigen Agrochemienutzern verständlich und nachvollziehbar zu machen, ist harte Kost für beide Seiten. Der völlig verquere Sauberkeitsbegriff der Winzer dieser Welt sitzt tief. »Unkraut« wird als zu bekämpfender Gegner gesehen, statt als Indikator für Böden, die total aus der Balance geraten sind. Bodenleben ist noch immer ein Begriff, den kaum ein konventionell wirtschaftender Winzer mit Leben füllen könnte. Während Bodengare und Humusanteil für engagierte Landwirte und Bauern notwendige Grundlage der Bewirtschaftung sind, scheinen viele Winzer noch weit von ihren Böden entfernt.

Um Interesse daran zu wecken, setzt man an der südlichen Rhône vor allem auf Verständnis. Geschickt vermeidet man die Konfrontation von »konventionell« mit »bio«, versucht stattdessen, über die Beschäftigung mit der regenerativen Bewirtschaftung auch hartnäckige Skeptiker vom notwendigen Wandel zu überzeugen. Ein weiter Weg, der aber ohne Alternative scheint, will der Weinbau im Rhônetal in Zukunft im Einklang mit den Bedürfnissen dessen Bewohner überleben.

 

Bioreben an der südlichen Rhône

 

Dieses Ziel geht der Winzerverband der »Côtes du Rhône« praktisch an. Das zweitgrößte Weinbaugebiet Frankreichs beginnt zu handeln und geht den harten Weg der Überzeugung seiner vielen kleinen und großen Weinbauern. Der Anfang ist gemacht, der Wille ist da, die Beratungsveranstaltungen des Winzerverbandes sind gut besucht und es scheint, daß die Winzer im Rhônetal zu begreifen beginnen, mit welchen Problemen sie konfrontiert sind. Immer mehr vor allem junge Winzer gehen den Weg der Umstellung. Sie müssen ihn nur zu oft gegen ihre Eltern und Familien durchsetzen. Das ist in Südfrankreich nicht anders als bei uns in Deutschland. Diejenigen, die es geschafft haben, sind aber überzeugt und fragen sich, warum sie den Weg nicht schon viel früher gegangen sind ….

 

Es ist Hoffnung in Sicht an der Côte du Rhône. Die Bemühungen des Winzerverbandes zeitigen Erfolge, immer mehr Weinbauern ergreifen die Chance, die ihnen hier gegeben wird. In Anbetracht der drohenden Katastrophe austrocknender Böden, nachhaltig verseuchten und versiegenden Wassers und immer heftiger ausfallender Klimaextreme ist es nur schwer verständlich, warum trotzdem noch immer vielen dieser Weg so schwerfällt – von der eigenen Gesundheit, über die man in Winzerkreisen nur sehr ungern spricht, mal ganz abgesehen …

 

© K&U|Martin Kössler im Juni 2022

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