Wein in Flammen
  • Von Martin Kössler
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  • 04.10.2020
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  • Unterwegs

Seit 1988 importieren wir die Weine kleiner familiengeführter Weingüter aus dem Napa Valley. Mit den Nobel-Gütern ultrareicher Unternehmer hatten wir, außer Harlan Estate, nie zu tun, weil uns die Welt des subventionierten Glitzers für höchste Bewertungen nie interessiert hat. Uns reizt das Napa Valley, weil wir dort die besten Cabernets der Welt verorten. Zwar hat sich um deren großen Ruf eine Scheinwelt für Reiche, Neureiche und Superreiche etabliert, die mit dem realen Leben wenig zu tun hat, Hotelzimmer für 1000.- und mehr Dollar sind hier nicht die Ausnahme, sondern die Regel, und nur wenige Flaschen Wein sind unter 100.- Dollar zu haben, doch neben viel neureichem Geglitzer und schnödem Schein gibt es auch dort handwerklich reales Weinerleben.

 

Das allerdings ist erst in der Nach-Parker-Ära zu Ehren gekommen. Es ist noch nicht lange her, daß die Weine kleiner handwerklich arbeitender Weingüter, die von ihren Besitzern mit Leidenschaft und Kompetenz aufgebaut wurden, als die neue Spitze in Kalifornien erkannt und gefeiert werden. Diese Betriebe bearbeiten ihre Reben mit dem eigenen Team und machen im Keller ihre Weine selber – also ohne jene Millionen im Rücken, für die Superreiche spezialisierte Firmen engagieren, die ihnen die Weinberge nicht nur konzipieren und anlegen, sondern auch das ganze Jahr hindurch bewirtschaften, damit die teuersten Weinmacher des Tales aus den Trauben teure Star-Weine mit vielen Punkten konstruieren können, die so schmecken, wie sie schmecken müssen, damit die Egos ihrer Käuferschaft befriedigt werden.

 

Dieser aufdringlich glitzernden Napa Valley-Scheinwelt stellen kleine, persönlich geführte Winzer-Betriebe handwerklich produzierte Real-Weine entgegen, die das Potential der faszinierend vielfältigen Terroirs des Napa und Sonoma Valley auf ganz eigene Art ins Glas bringen. Es sind unverwechselbare Weine mit Charakter und Persönlichkeit, die nicht nach den Rezepten der Önologie, sondern maximal individuell von ihren Inhaberinnen und Inhabern produziert werden. In Kaliforniens Winebusiness arbeiten mehr Frauen in verantwortlichen Positionen als in Europa und ohne die Mexikaner, die oft schon in zweiter oder dritter Generation in den Betrieben tätig sind, wäre der kalifornische Wein nichts. Sie sind sein Rückgrat, was kaum kommuniziert wird.

 

© SFChronicle

Jetzt brennt das berühmteste Weintal der Welt. Seit Sonntag, den 27. September 2020,  brennt es in Napa und im benachbarten Sonoma Valley lichterloh. Das Feuer vernichtet Milliardenwerte, die hier, wie nirgendwo sonst auf der Welt, in Wein angelegt sind. Es vernichtet aber auch, von der Öffentlichkeit nicht beachtet, zahlreiche Existenzen.

 

Jene Weingüter, deren Flaschen viele hundert Dollar kosten, werden »schnell und viel schöner und besser als vorher« wiederaufgebaut sein. So wird das verlautbart und das nötige Kapital steht natürlich auch schon bereit. Jene Weingüter aber, die durch das Feuer zerstört wurden und nicht über das nötige Kapital verfügen, wird es nach dieser Katastrophe vermutlich nicht mehr geben.

Darüberhinaus leben sehr viele Menschen in Napa und Sonoma von der Weinindustrie und dem damit verbundenen Tourismus. Das reicht von den vielen Mexikanern, die mit ihrer Hände Arbeit für die unverwechselbare Qualität der Weine des Napa Valley sorgen, bis zu den Heerscharen von Angestellten und Mitarbeitern aus aller Herren Länder in den zahlreichen Restaurants, den Verkostungsräumen und den vielen Hotels der beliebten Weintäler, die schon heftig unter der Pandemie leiden mußten und nun wohl vorerst ihre Jobs ganz verlieren werden. Von ihnen spricht in diesen Tagen niemand. Doch wird auch ihr Fehlen dazu beitragen, daß die besondere Weinwelt Kaliforniens nach den historischen Bränden nicht mehr die sein wird, die sie vorher war.

 

 

Am 30. September um 9.32 Uhr gab das Napa County Office of Emergency Services die ersten Evakuierungswarnungen heraus. Das »Glass Fire« genannte Großfeuer hatte bis dahin binnen eines Tages bereits mehr als 12.000 Hektar Wald vernichtet und war dabei, sich, angefacht durch heftige Winde und extreme Hitze, in Windeseile nicht nur ins Herz des Napa County, sondern auch gen Westen bis ins benachbarte Sonoma County zu fressen.

Die unter Weinfreunden bekannten Orte Calistoga und St. Helena und ihre weitläufige Umgebung im Zentrum des Napa Valley wurden zur Evakuierungszone erklärt. Rund 60.000 Menschen mußten ihre Häuser verlassen und die Winzer ihre gärenden Weine im Tank im Stich lassen, ohne Strom, der längst abgestellt war. Viele Trauben hingen zu dem Zeitpunkt noch am Rebstock.

 

Das Glass Fire am Spring Mountain über St. Helena                                          © SFChronicle

 

Dann trat ein, was befürchtet wurde. Entlang des berühmten Silverado Trails im Osten des Napa Valleys begann es lichterloh zu brennen. Dort brannte, nördlich des Städtchens St. Helena, der berühmteste Golfclub des Tales, das Meadowood Resort mit seinem 3-Sterne-Michelin-Restaurant, zum größten Teil ab, dort hat es auch einige illustre Weingüter des Tales erwischt, darunter auch das kleine Paradies unseres Winzers Ric Forman, der uns aus der Evakuierung schreibt, daß es ein paar Reben erwischt hat, sein Haus und das Weingut noch stehen, das gesamte Gelände um das Weingut herum aber  in Schutt und Asche liegen (siehe sein Statement ganz unten).

 

Eine teilweise vom Feuer zerstörte bekannte Winery hoch über Calistoga                   © SFChronicle

 

Viele Weingüter im Brandgebiet haben alles verloren, die Gebäude, den aktuellen Wein im Tank, manche aber auch das Lager an Weinen der Jahrgänge 2019 und 2018, die noch nicht im Verkauf sind. Sie werden keine Flasche Wein zu verkaufen haben.

Viele Betriebe im Napa Valley waren mitten in der Ernte, als das Feuer sie überraschte. Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc und Petit Verdot sind spätreifende Sorten und der reife, säurearme Stil, für den so viele Winzer im Napa Valley arbeiten, entsteht erst durch sehr späte Lese. Mitten in den für sie wichtigsten Tagen des Jahres, nach einem ganzen Jahr harter und teurer Arbeit im Weinberg, mußten viele vom Feuer bedrohte Winzer ihre Weingüter voller gärender Moste verlassen. Inzwischen wird vermutet, daß ein Großteil der Ernte 2020 nicht verkehrsfähig sein wird, weil der dichte Rauch der vielen Großfeuer Trauben und Weine sensorisch kontaminiert hat. Die Untersuchungen an noch nicht geernteten Trauben wie in bereits gärenden Mosten laufen auf Hochtouren. Dem teuersten Weintal der Welt drohen Milliardenverluste.

 

Geschmolzene Tanks in einem bekannten Weingut am Howell Mountain                © SFChronicle

 

Unsere Winzerin Cathy Corison, mit der wir in engem Austausch stehen, schreibt uns dazu: »Ich habe Glück, weil ich für meine delikatere Stilistik stets zwei bis vier Wochen früher als viele meiner Nachbarn ernte. Meine Weine sind bereits fast trocken. Wenn ich noch ein paar Tage hierbleiben kann, ist mein Jahrgang 2020 gerettet. Unser Dieselaggregat sorgt für Strom, wenn ich ihn brauche, ich bin jetzt noch auf der Jagd nach einem kommerziellen Luftfilter, denn ich mache mir Sorgen wegen des Rauchs, der über dem Tal hängt. Ich habe das ganze Gebäude aber so gut wie möglich abgedichtet und bin jeden Tag hier, um die Weine zu kontrollieren.«

 

Hier rast die Feuerwand des Glass Fires die Berge über St. Helena hinab            © SFChronicle

 

Es sind extreme Bedingungen, unter denen der denkwürdige Jahrgang 2020 in Kalifornien entsteht.

Erst sorgen Präsident Trumps Einreisebeschränkungen für den Totalausfall ausländischer Aushilfen. In Kalifornien arbeiten rund 30.000 Ausländer das Jahr über im Weinbau, von den mexikanischen Erntehelfern bis zu vielen hundert Weinbaupraktikanten aus aller Welt. Auf sie alle mußten die Winzer dieses Jahr verzichten. Auch deshalb setzten große Betriebe dieses Jahr erstmals auf geeigneten Rebflächen Maschinen zur Ernte ein. Kein gutes Zeichen für die Zukunft.

Dann sorgte die Corona-Pandemie für den Ausfall wichtiger Arbeitskräfte. Landwirtschaft und Weinbau sind für derartige Krisen besonders anfällig. Man wird in vielen Weinen des Jahrgangs 2020, auch bei uns in Europa, diesen Mangel an Arbeitskräften schmecken können.

Und schließlich kam die Evakuierungsanordnung für die Winzer des Napa Valley zum ungünstigsten Zeitpunkt. Die gärenden Moste (oft ohne Strom und Kühlung) alleine zu lassen, ist so ziemlich das Härteste, was einem Winzer passieren kann. Viele Betriebe mußten die Ernte unterbrechen und ihre Mitarbeiter schnellstmöglich in Sicherheit bringen, weil sich das Feuer in rasendem Tempo näherte (siehe Bild oben). Man wird sehen, wie sich die Weine in den Weingütern, die vom Feuer verschont blieben, aber evakuiert werden mußten, präsentieren werden. Schon bei den Bränden im Jahr 2017 waren viele Betriebe nicht in der Lage, ihre Gärungen während der Evakuierung unter Kontrolle zu halten. Es gibt Weine, die durch die unkontrollierte Mazeration nicht die Harmonie und Gerbstoffqualität besitzen, die man von ihnen erwartet.

 

Doch die größte Sorge aller Winzer derzeit gilt dem »smoke taint«, der negativen Beeinflußung durch den beißenden Rauch der Brände, der über ganz Kalifornien hängt. Die Erfahrung aus den Bränden im Jahr 2017 hat gezeigt, daß Trauben, die dem Rauch ausgesetzt waren, nicht mehr für die Weinherstellung geeignet sind. Viele Winzer haben deshalb den Jahrgang 2020 schon abgeschrieben. Wer vor jener Hitzewelle, die die aktuellen Brände auslöste, geerntet hat, wie z. B. die Chardonnay- und Pinot Noir-Winzer an der Sonoma Coast, ist davon nicht betroffen. Ihre Weine sind bereits durchgegoren und liegen sicher in Tanks und Fässern – vorausgesetzt, sie werden nicht dort zum Opfer des eindringenden Rauches. Erfahrungen, die noch ausstehen.

 

Brennendes Weingutsgebäude am Silverado Trail                                        © SFChronicle

 

Noch ist nicht bekannt, wieviele Weingüter und Weinberge beschädigt wurden oder abgebrannt sind. Bisher sind über 2700 Gebäude und Häuser den Flammen zum Opfer gefallen. Das Feuer wütet noch immer. Knapp 20.000 Feuerwehrleute kämpfen seit Mitte Juli ohne Unterbrechung gegen die über 8000 Brandherde, die sie in dieser Saison an der Westküste der USA forderten. Allmählich sind die technischen Ressourcen erschöpft, die Feuerwehrleute sind am Ende ihrer Kräfte, doch die Brandsaison ist noch nicht vorüber. Kollegen aus den gesamten USA werden eingeflogen. Die Armee stellt Hubschrauber zur Verfügung, deren Mannschaften aber erst eingewiesen müssen in das so andere »Kampfgeschehen«. Es ist eine logistische Meisterleistung, dem »Glass Fire« in dem unwegsamen Berggelände, in dem es seit über 80 Jahren nicht gebrannt hat, durch Gegenfeuer und Schneisen Paroli zu bieten. Weiterer Schaden an Infrastruktur, Häusern, Wirtschafts- und Weingutsgebäuden soll um jeden Preis verhindert werden. Napa und Sonoma, die beiden Täler, zwischen denen das Feuer derzeit wütet, gehören zu den dicht besiedelten Regionen Kaliforniens. Eine Mammutaufgabe, denn die diesjährige Brandsaison gilt schon heute als eine der größten Natur-Katastrophen der letzten hundert Jahre in Kalifornien. Sie wird das Erscheinungsbild des einst so schönen Westküsten-Staates auf Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, beeinträchtigen.

 

Doch in Kalifornien wird ein Teamgeist gepflegt, ein Common Sense, wie wir ihn in Europa so kaum kennen. Die Diskussionen über die Fehler, die man in Sachen Umweltpolitik und Naturzerstörung gemacht hat, in der Besiedelung, in der Wasser- und Energiewirtschaft etc., sind in vollem Gange und werden so heftig geführt wie noch nie. Die Katastrophe könnte, so hoffen viele, grundsätzliches Umdenken auslösen. Winzer und Bewohner haben sich über das Internet zu schlagkräftigen Hilfsgemeinschaften formiert, die sich gegenseitig mit Nahrung, Wasser und allem, was gebraucht wird, versorgen. Napa und Sonoma sind gut vernetzte Communities. Man hat sich organisiert in der Nächstenhilfe. Und man blickt, bei allem Entsetzen über das, was gerade passiert, erstaunlich positiv nach vorne: »We have a feeling something really special is going to come out of this. There is going to be a chance for an amazing comeback for the future of our Land and the next Generation.«

 

Ric Formans Weinberg am Howell Mountain vor den Bränden …

 

… Philip Tognis Weinterrassen, die höchsten des Napa Valley, auf dem gegenüberliegenden Spring Mountain an einem grauen Februar-Tag. Beide dürften nach den Bränden kaum wiederzuerkennen sein.

 

Vorurteile gegenüber amerikanischen Weinen werden in Europa unbeirrt gepflegt. Aus purem Unwissen. Kalifornien ist in Amerika, ist aber nicht Amerika! Kalifornien ist anders als es sich die vorstellen, die dort noch nicht waren.

Zwar zeitigt auch hier die Trump´sche Spaltungs-Manie traurige Folgen, doch noch gibt es ihn in jedem Viertel, in jedem Block, in jeder Community, den Common Sense des Miteinander und Füreinander. Lassen Sie also Ihre Vorurteile mal zu Hause. Tun Sie etwas für die wunderbaren Menschen, die uns mit ihren wunderbaren Weinen beglücken. Wir haben unsere Winzer gefragt, was wir für sie tun können, wie wir ihnen helfen können. Die Antwort war immer die gleiche: »Sell as much wine as you can«. Das wollen wir tun.

Gönnen Sie sich also mal eine dieser Flaschen, die Sie sonst vielleicht nicht kaufen würden. Sie werden begeistert sein. Einfach auf die unterstrichenen Links im Text und hier unten klicken.

Sie werden staunen, wie anders diese Weine schmecken im Vergleich zu unseren europäischen Weinen. Sie stammen schließlich aus einer anderen Natur, einem anderen Klima, von einem anderen Boden und sie werden mit hohem Anspruch an Natur und Umwelt, an Qualität und Reinheit, produziert. Ihren Preis belohnen sie mit atemberaubend hochwertiger Gerbstoffqualität in einem Mundgefühl, das es so in Europa nicht gibt. Genießen Sie die Einzigartigkeit dieser Weine, riechen und schmecken Sie deren Geist und deren Herkunft, denken Sie dabei unbekannterweise kurz an die Menschen, die Ihnen dieses Erlebnis ermöglichen. Sie befinden sich derzeit in einer traumatischen Situation, vor der wir in Europa hoffentlich verschont bleiben.

 

Neueste Nachrichten hier.

 


 

Winzer-Stimmen vom 3.10.2020:

 

Beth Novak-Milliken, Spottswoode Estate, St. Helena:

„We are safe here thus far, people and buildings and property. Many others are not so fortunate, and the fires are still burning in some areas and so there is likely more to come. It is devastating, to be completely honest – the smoke is thick and it has been really challenging (the AQI is between 605-740 right now, and the scale tops out at 500!). Yet we have made it through, we are no longer in danger of active fire activity. We now wait for the smoke to clear. Thankfully, our power is on so we can at least clean the air in our house a bit. And we have internet, which we did not have right at the start. While we are still in an evacuation warning, we expect that to be lifted soon. We are in close touch with many of our neighbors.“ 

 

Ric Forman, Forman Winery, St. Helena/Howell Mountain:

We are actually under mandatory evacuation and won’t be back into the house for at least 2 weeks as all of the buried water pipes have melted. The winery/house survived but everything (the forest) is char and ashes. Tasting room, survived. Vineyard was a big singed in one area. Barn was damaged.

These fires are unrelenting.  The air is thick with smoke and the mood dark as well.  BUT, farming, making wine, and offering it to you and your customers is our way of life.  We have no choice but to continue. The vines will force us back into the vineyard and as the 2020 harvest fades into the background, the 2021 vintage will renew us and give us the spirit to revitalize the land and our lives. Stay well and safe in this Covid era ….

 

Philip Togni, Philip Togni Vineyard, St. Helena/Spring Mountain:

The Togni’s are thankfully fine.  We even got our grapes in on time! A real miracle. Around us, almost all the wineries on Spring Mountain lie in ruins. The whole forest around us is burnt, but the winery is standing, our house is standing, we have electricity from our generator, the musts are fermenting in the tank, we have sealed the cellar as far as possible to prevent smoke from entering, which is also bitingly dense up here. But we are lucky to have survived fully functional except for a few burnt vines. Thanks for asking, we are doing well and now taking care of our neighbors who did not get away so happily. 

 

© Photo Credit San Francisco Chronicle, diverse Photographen

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