Kennzeichnungspflicht für Wein?
  • Von Martin Kössler
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  • 12.06.2012
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  • 2 Kommentare
  • Zahlen, Fakten, Technik

Die EU hat sich mal wieder was neues einfallen lassen für uns Weintrinker. Allergene. Sie sollen jetzt deklariert werden. Wie uns das weiterbringt!

 

Als würden die eine Rolle spielen in den Industrieweinen, die im Supermarktregal stehen. Deren Trauben werden mittels brutalstem Chemieinsatz im Weinberg zur Reife gebracht und anschließend im Keller nicht minder malträtiert. Allerdings von kompetenten Technikern, die genau wissen, wie man die harmlosen Zusatz- und Korrekturstoffe, um die es hier geht, wieder so herausbekommt, daß sie nicht deklariert werden müssen. Um die wirklich relevanten Stoffe, die im Wein auch enthalten sein können, geht es der EU einmal mehr nicht.

 

Wenn man sich das Bild oben ansieht, das ich kürzlich in einem der berühmtesten Weinberge Spaniens schoß, dessen Flaschen richtig Geld kosten, frage ich mich allen Ernstes, was dieses Pseudotheater soll. Von obigem Chemie-Weinberg würde ich keine einzige Flasche trinken wollen, trotz des großen Rufes, den der Wein international genießt. Doch statt den brutalen Chemiekrieg im Weinberg einzuschränken, statt industrielle Traubenproduktion mit harten Auflagen zu versehen, weil die Wasserwirtschaftsämter längst aufwendig gegen die Chemie ihrer Kollegen aus der Agrarwirtschaft zu kämpfen haben, was uns alle in ganz anderem, viel dramatischerem Umfang betrifft als ein paar harmlose Pseudoallergene, deren davon betroffene Allergiker nur die richtigen Weine kaufen müssen, um nicht betroffen zu sein, wird hier mal wieder ein Stellvertreterkrieg angezettelt, der so lobbygesteuert wirkt, wie inzwischen fast alles, was aus Brüssel kommt.

 

Uns erscheint es z. B. wichtiger, die chemisch-synthetischen Wirkstoffe im Weinberg zu regulieren, oder den durch den Chemiekrieg im Weinberg zunehmend auftretenden Mycotoxinen im Wein mehr Aufmerksamkeit zu schenken, wie auch dem modischen Naturwein-Brimborium, wo ganz andere Giftstoffe wie das erwiesenermaßen ungesunde Acetaldehyd oder, noch viel schlimmer für die Betroffenen, die zahlreichen biogenen Amine in Erscheinung treten können, allen voran das berühmte Histamin, das nun wirklich Tausenden von WeintrinkerInnen Probleme bereitet.

 

Das OIV, die Organisation Internationale de la Vigne et du Vin in Paris, hat für biogene Amine und Mycotoxine längst Grenzwerte erlassen. Die aber lassen die EU-Technokraten kalt. Nein, populistisch soll es mal wieder zugehen und deshalb geht es um Allergene. Die in diesem Zusammenhang immer und immer wieder geführte Schwefeldiskussion ist so ätzend wie dämlich und überflüssig. Seit 5000 Jahren müssen Most bzw. Wein konserviert werden. Natürlich wurde die Schwefelung immer wieder übertrieben in der Geschichte des Weines. Doch heute spielt Schwefel für die Bekömmlichkeit von Wein wirklich keine Rolle mehr. Da erscheinen uns die biogenen Amine sehr viel wirksamer und präsenter als Schadstoffe, sie gälte es in Betracht zu ziehen und zu regulieren. Trotzdem dehnt, allen wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Trotz, die EU zum 1. Juli 2012 die für Sulfit bestehende Allergen-Kennzeichnung auf die bei bestimmten Personen Allergien auslösenden Inhaltsstoffe Milch und Ei aus, die bei bestimmten oenologischen Behandlungen wie der Klärung, der Schönung und der Konservierung zum Einsatz kommen können.

 

„Enthält Lysozym aus Ei“ oder „Enthält Kasein aus Milch“ werden in Zukunft Hinweise sein, die unsere Weinetiketten schmücken werden.

 

Dabei gilt die Kennzeichnungspflicht  für alle Weine, die in der EU vermarktet werden und „vollständig oder teilweise aus Trauben der 2012er Lese und folgender Erntejahre gewonnen und nach dem 30. Juni 2012 etikettiert wurden“, sofern bei der Weinbereitung Produkte auf Ei- oder Milchbasis verwendet wurden und diese im Endprodukt den tolerierten Grenzwert von 0,25 mg/l überschreiten. Sind diese Inhaltsstoffe im Endprodukt nach den von der OIV empfohlenen Analysenmethoden nicht nachweisbar, entfällt die Kennzeichnungspflicht.

 

Bei der Etikettierungkönnen zur Allergenkennzeichnung folgende Angaben verwendet werden:

 

für Sulfite wie bisher (schon diese Angaben haben die Verbraucher mehr verunsichert als informiert oder versichert)
● „Enthält Sulfite“ oder
● „Enthält Schwefeldioxid“

 

für Eier und daraus gewonnene Erzeugnisse (wer erklärt dem Verbraucher, wie die Inhaltsstoffe in den Wein kommen? Toller Informationsgehalt!)
● „Enthält Ei“ oder
● „Enthält Eiprotein“ oder
● „Enthält Eiprodukt“ oder
● „Enthält Lysozym aus Ei“ oder
● „Enthält Albumin aus Ei“

 

für Milch und daraus gewonnene Erzeugnisse
● „Enthält Milch“ oder
● „Enthält Milcherzeugnis“ oder
● „Enthält Kasein aus Milch“ oder
● „Enthält Milchprotein“

 

Je nach EU-Mitgliedsstaat muß diese Allergenkennzeichnung in unterschiedlichen Sprachen angegeben werden. Eine Angabe in deutscher Sprache ist dabei nur in Deutschland und Österreich, Belgien, Estland und Luxemburg zulässig.

 

Es dürfte noch kompliziert werden, denn welche Sprachen in welchen Ländern anerkannt werden und wie die Übersetzungen der diversen Begriffe in die jeweilige Landessprache lauten, ist noch nicht final geklärt. Neben der Allergen-Angabe in der jeweils autorisierten Sprache ist eine Angabe in weiteren Sprachen allerdings zulässig.

 

Ergänzend hierzu kann, je nach Inhaltsstoffen, die es zu deklarieren gilt, eines der folgenden Piktogramme zusätzlich verwendet werden, wobei der Druck ein- oder mehrfarbig erfolgen kann:

Abb.: © Europäische Union

 

Schöne neue Weinwelt. Statt die Verbraucher aufzuklären, was an echten Schweinereien im Wein sein kann und darf, geht man den Weg des geringsten Widerstands und der maximalen Verursacherschonung.

 

Die zunehmenden Giftstoffe in Boden und Trinkwasser, eingebracht durch global agierende Chemiekonzerne, wie auch die sofort herausgebrachten Ersatzstoffe für die Kellerbehandlung, die eine entsprechende Kennzeichnung auf dem Etikett überflüssig machen, werden außer acht gelassen. Man schont sie wieder, die Agrarindustrie und ihre Konzerne. Es ist traurig, was sich die seriöse Weinwirtschaft hier unter dem verlogenen Deckmantel des Verbraucherschutzes gefallen lassen muß.

 

Seriös handwerklich produzierter Wein, der aus gesunden Trauben bereitet wird, hat all diesen Scheiß nicht nötig. So einfach ist das. Leider wird industrieller Billigwein so massiv im Keller behandelt, daß er anschließend auch keine Deklaration benötigt, weil die Industrie entsprechende Ersatzstoffe bereit hält. Die Regelung betrifft wohl vor allem jene unzähligen Hoppla-Hopp-Winzer, die es einfach nicht anders wissen und anders können. Und selbst da ginge es um viel wichtigere Dinge als jene Allergene. Für die paar Allergiker, die davon wirklich betroffen sind, könnten wir uns ganz andere Deklarationen vorstellen, nämlich freiwillige, die auf die Inhaltsstoffe positiv eingehen. Doch genau das will die EU um jeden Preis verhindern. Also müssen wir uns alle in Zukunft noch mehr Verunsicherung des ohnehin kaum interessierten wie  informierten Durchschnitts-Verbrauchers antun. Was muß ich immer und immer wieder an Schwefeldiskussionen führen! Das Versagen der Politik in Sachen Verbraucherschutz ist legendär, es hat dieses Beweises nicht bedurft.

 

Machen wir uns an die Arbeit und erklären unseren Kunden, worum es wirklich geht.

Kommentare
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2 Kommentare
Elias Kuhn
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10.Feb.2016
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Hallo, ich bin auf der Suche nach einer Liste mit erlaubten Zusatzstoffen für Wein. Könnt ihr mir da vielleicht weiterhelfen?
sven dohrendorf
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01.Nov.2014
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Moin aus dem Norden, Habt Ihr für Euer Onlinebusiness schon alle Daten gecheckt und umgesetzt. Am 13.12. wird es ja Pflicht. Wissen Sie von einer Übergangsfrist oder wird es jetzt ernst. Übrigens, eine tolle Zusammenfassung und ein richtiger Kritikansatz. Beste Grüße Sven Dohrendorf