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Riesling 'Pfalz'
Als wir im Januar 2011 den damals noch verrufenen Jahrgang 2010 in völlig unfertigen, noch trüben und gärenden Exemplaren bei Steffen Christmann im Keller probierten, staunten wir über sein kompromißlos mutiges Herangehen an den Jahrgang. Seine Weine präsentierten sich sauer und unfertig, fast mager, durchaus schmeckbar reif, in der Säure aber fast aggressiv wirkend in den harten, rauen Apfelnoten des Jahrgangs.
Doch Steffen Christmann kennt seine Lagen und Weine, er weiß, welche Stilistik er anpeilt, und er weiß, wie er auf einen Jahrgang reagieren muß. Einen Jahrgang wie 2010 hatte freilich noch keiner der jüngeren Winzer Deutschlands bisher zu bewältigen. Weil auch Steffen Christmann die Erfahrung mit der Entsäuerung fehlte, beschloss er, nicht zu entsäuern. Er wollte abwarten, wie sich seine Weine im Keller entwickeln würden. Er hatte recht. Sie präsentieren sich heute, nach wie vor nicht entsäuert, in einer Brillanz und Frische, die ungewohnt, aber unheimlich animierend wirken. Seine Weine tragen unverkennbar den Stempel des Jahrgangs. Sie tun dies aber in einer Authentizität und Präzision, die ihnen rare Expressivität, Frische, Rasse und Brillanz verleiht.
Der Maßstab für einen Jahrgang ist für uns immer der Gutswein als Aushängeschild für Winzer und Betriebsphilosophie. Steffen Christmanns Guts-Riesling des Jahrgangs 2010, schlicht Pfalz genannt, überzeugt in anderer Form als sonst. Bestechend, fast provokant präzise steht er im Glas. Fein ziselierte Säureader, die den Jahrgang nun mal charakterisiert, steckt in einer stoffigen Hülle an Weinsubstanz, die das Mundgefühl prägt und definiert. Statt grüner Härte agiert aber mineralisch präzise Länge am Gaumen, verpackt in pfälzische Dichte.
Steffen Christmanns preiswerter Guts-Riesling zelebriert kristalline Perfektion in knochentrockenem, glasklar definiertem und trotzdem geschmeidigem Weinerleben. 2010 wirkt bei ihm ungemein animierend, der Wein schürt richtig Lust auf den nächsten Schluck. Seine Mineralität agiert pikant salzig auf der Zunge, würzige Gesteinsnoten ergänzen sich mit frischen Würz- und Kräuteraromen auf der Zunge. Ein Guts-Riesling als überzeugende Empfehlung für das Weingut, denn hier wurde nicht manipuliert im Keller, sondern Steffen Christmann setzte einmal mehr auf die Zeit im Keller. Kristallin, knochentrocken, kompromißlos Riesling mit prägnantem Herkunfts- und Jahrgangscharakter.
Weingut A. Christmann
Steffen Christmann, Ex-Jurist und dynamisch aktiver Präsident des Verbandes deutscher Prädikatsweingüter, geht mit seinem traditionsreichen Weingut in der Gemeinde Neustadt-Gimmeldingen, das er in siebter Familien-Generation führt, mutig neue Wege. Steffen Christmann steht für Riesling. Auf rund zwei Drittel seiner Rebfläche hat er ihn stehen. Seine berühmteste Lage Idig bringt eines der großen Pfälzer Weinmonumente hervor. Doch auch Spätburgunder, Weiß- und Grauburgunder, sowie ein wenig Gewürztraminer, St. Laurent und Cabernet Sauvignon hat er im Anbau.
Visionär stellte Familie Christmann vor ein paar Jahren auf ökologischen Weinbau um, seit 2004 widmet sich Steffen Christmann der biodynamische Wirtschaftsweise. Ein wichtiges Signal für den deutschen Spitzenweinbau, den er damit auf eine Zukunft mit und nicht mehr gegen die Natur vorbereitet. Nach der erfolgten Umstellung präsentieren sich seine Weine anders als vorher, konturierter und spürbar profilierter, präziser und klarer unterscheidbar im Herkunftscharakter, sie riechen und schmecken intensiver und wiederlegen die Argumente ihrer Kritker mit Fakten. Die innere Dichte der Weine, ihre physisch fühlbare Substanz, manifestiert sich jetzt in ungewohnt präziser Mineralität, die sich rund um die Zunge aus der Weinstruktur herauszuschälen scheint. Faszinierende Frische läßt die Weine förmlich aus dem Glas strahlen, kompromißlos trocken, extrem reintönig und von begeisternder Definition.
Steffen Christmanns Weine sind bemerkenswert konzentriert, aber zugleich ungemein trinkfreudig. Sie beweisen, daß die Pfalz prägnanten Terroircharakter entwickelt hat. Ihn verdeutlicht Steffen Christmann in vier Gruppen von Weinen: Seinen Gutsweinen, den Ortsweinen, den klassifizierten Lagenweinen, die ihre spezifische Herkunft auf dem Etikett ausweisen, und über all dem stehen seine großen Gewächse.
Steffen Christmanns Handschrift ist schnell erklärt: Reinheit für mehr Komplexität der Herkunft. Die erzielt er durch spontane Gärung und teilweisen Ausbau in Holzfässern, der das besondere Mundgefühl seiner Weine definiert. Sie stehen damit für den Paradigmenwechsel, der derzeit im deutschen Weinbau stattfindet, hin zu nachhaltiger Komplexität, zu mehr Individualität durch Rückbesinnung auf altes Erfahrungswissen, wider simple Technikrezepte mit noch simplerer Frucht. Für Steffen Christmann ist der biologische bzw. biodynamische Weinbau notwendige Vorausetzung für mehr Individualität, mehr Charakter und mehr Herkunft in eigenwillig eigenständigen Weinen, die souverän zur Spitze Deutschlands zählen.
Die Rebe
Riesling
Über Riesling läßt sich trefflich streiten. Es gibt viele Weintrinker, die mit der Rebsorte nicht zurechtkommen. Das mögen Vorurteile sein oder andere Gründe, fest steht: Riesling wagt Charakter.
Riesling ist in Stil und Charakter extrem abhängig von der Qualität seines Standortes. Sein kräftiges, ausdrucksvolles, gelegentlich auch analytisch präzise wirkendes Aromaprofil reicht von blumig über mineralisch und stahlig bis zu fruchtig und honigwürzig oder gar ölig, je nach Herkunft, Boden, Alter und Lage oder Exposition der Reben.
Sein markantes Aroma, das im Alter Petrolnoten entwickeln kann (die man mögen muß, wir mögen sie nicht), ist direkte Funktion eines sehr spezifischen Verhältnisses von Süße zu Säure und eines ungewöhnlich hohen Anteils an Monoterpenen, stark aromatischen Geschmacks- und Aromastoffen, die im Riesling ca. 10 bis 15 mal höher enthalten sind als in anderen weißen Rebsorten. Seine Langlebigkeit und die Fähigkeit, die Charakteristika seiner Herkunft (Lage und Exposition, sowie Boden) in besonderem Maße zum Ausdruck zu bringen, ohne dabei an Rebsortencharakter einzubüßen, machen Riesling in seiner besten Form zu einer der feinsten Weißweinrebsorten der Welt. Ein ähnlich anspruchsvolles und interessantes Spektrum an Aromen und Geschmack bieten nicht viele weiße Rebsorten der Welt.
Weil das Holz der Rieslingrebe sehr hart ist, ist Riesling relativ frostbeständig und deshalb ideal für kühle Anbaugebiete angeeignet. Er sollte aber in geschützten Lagen stehen, wenn er wirklich reife Trauben liefern soll und die Erträge nicht ins bodenlose sinken sollen. Selbst relativ hohe Erträge wie 60-70 hl/ha verdaut Riesling in guten Lagen ohne große Qualitätseinbuße. Er reagiert im Reifezeitpunkt aber unmittelbar auf niedrige Erträge, die er dann mit besserer Reife zu einem früheren Zeitpunkt belohnt, in Zeiten des Klimawandels ein immer wichtigerer Punkt.
Später Austrieb und die damit verbundene späte Lese sind ein weiteres Charakteristikum der Rebsorte. In kühlen Regionen wird Riesling oft erst Mitte Oktober bis Mitte November gelesen. Es scheint, daß gerade die lange und langsame Reifeperiode mit entsprechend langer Hängezeit am Stock der Rebsorte jene Komplexität und Größe vermittelt, für die großer deutscher Riesling weltberühmt ist. Erst so entwickelt er ein Maximum an Geschmacksfülle bei niedrigem Alkohol und feiner, reifer Säure.
Die besten Rieslinge gedeihen auf besonders günstigen Lagen in kühleren Weinbauregionen. Je wärmer Riesling steht, um so schneller erreicht er den Reifezeitpunkt, entwickelt dann aber nicht sein legendär frisches Süß-Säure-Spiel mit aromatisch komplexen und reizvollen Aromastoffen. Riesling kann schnell plump und langweilig wirken.
Nicht immer also ist das vermeintlich Beste im Wein wirklich gut genug. Riesling braucht, wie Pinot Noir, mehr als nur das (nicht existente) Beste. Vielleicht wird er deshalb von so manchem Weinfreund falsch verstanden.
![]() | Deutschland - Pfalz |
![]() | Riesling |
![]() | Langsam |
![]() | 6er Karton |
| Art-Nr. DPW10300 | |
| Inhalt 0.75l |



















