• 01/12/2017
  • |
  • Kolumne

Ist die Neuzulassung für Glyphosat wirklich richtig?

Es war in den letzten Tagen nicht zu überlesen, daß CSU-Landwirtschaftsminister Schmidt dafür verantwortlich ist, daß das umstrittene Universal-Herbizid Glyphosat für weitere fünf Jahre zugelassen wird.

 

Seit Jahrzehnten versuchen wir von K&U, auf die Problematik dieses im konventionellen Weinbau äußerst weit verbreiteten »Unkraut-Bekämpfungsmittels« hinzuweisen. Wir kämpfen aktiv und engagiert dafür, daß es endlich verboten wird, bemühen uns dabei allerdings um eine differenzierte Sicht der Dinge.

 

Insofern fanden wir es ziemlich mutig, daß die »Süddeutsche Zeitung« mit einem Kommentar unter der Schlagzeile »Die Neuzulassung von Glyphosat ist richtig« eine prompt heftig diskutierte Differenzierung der Diskussion über das ungeliebte Herbizid anmahnte. Als Naturwissenschaftler beschäftigen wir uns intensiv mit Bodenkunde, Bodenregeneration und alternativer Landwirtschaft. Nach genauen Studiums des SZ-Artikels aus der Feder von Kathrin Zinkant kommen wir deshalb zu dem Schluß, daß der Autorin der nicht einfache Versuch gelingt, die Problematik des Glyphosats, das für eine konventionelle Landwirtschaft steht, die ohne modernes Agrarchemie-System nicht mehr überlebensfähig ist, ideologiefrei auf der Basis von Fakten zu diskutieren.

 

Aus der Sicht des Laien ist es verständlich, daß sich die Diskussion über die Zukunft der Landschaft gegen das eine Mittel, Glyphosat, als den vermeintlichen Grund allen Übels richtet, steht es doch für eine vierzigjährige Epoche, in der die traditionelle Landwirtschaft ihr über Jahrhunderte erworbenes Erfahrungswissen und handwerkliches Können einem Fortschritt opferte, der die sichere Produktion vermeintlich billiger Lebensmittel versprach. Heute geht es fast ausschließlich darum, daß unsere Nahrungsmittel möglichst billig sind. Auf welche Weise dieser billige Preis zustande kommt, und ob er wirklich auch »billig« ist, wird nicht hinterfragt. Nach Wert und geschmacklicher Qualität fragt nicht mal der Bio-Kunde. Daß die konventionelle Landwirtschaft das vom Markt geforderte und von immer größer werdenden Handelsstrukturen oft genug rücksichtslos diktierte Preisniveau heute nur noch mit dem Präparate-System der Agrarchemie realisieren kann, politisch gefördert und durch entsprechende Subventionen gut gefüttert, wird öffentlich kaum diskutiert. Wir schließen hier übrigens den Weinbau ein. Er hat sich in all den Jahren durch die gleichen Mechanismen soweit vom Boden abgekoppelt, daß wir die wenigsten konventionell arbeitenden Winzer noch als Landwirte bezeichnen würden. Die meisten von ihnen sind zu Traubenproduzenten mutiert, die Boden als lästiges Substrat betrachten, das sie gegen Erosion und vor »Unkraut« schützen müssen.

 

Dieses System der konventionellen Land- und Weinwirtschaft ist durch ein Verbot von Glyphosat nicht einfach zu ändern. Doch inzwischen sind viele Böden durch vierzig Jahre heftigen Chemie- und Düngemitteleinsatzes mit immer tieferen Pflügens mittels immer stärkerer Maschinen nachhaltig am Ende. Die wenigen Fruchtfolgen sind zu uniform, Böden werden nicht mehr auf- sondern abgebaut, ihre Nährstoffe verbraucht, sie können sich nicht mehr erholen, es kommt zu Ernteeinbußen. Wegen immer häufiger auftretender Resistenzen wird mit ständig wechselnder Chemie und noch mehr Mechanik versucht, der Herausforderung Herr zu werden. Natur und Klimawandel weisen den konventionell wirtschaftenden Landwirt zunehmend in Grenzen. Der weiß nicht, wie er darauf reagieren soll. Viel zu lange hat er einem System vertraut, das er selbst weder durchschaut noch hinterfragt hat, obwohl es ihn von der Planung der Produktion bis zum Verkauf fast ein Leben lang begleitet und an sich gebunden hat. Nitrat- und pestizidverseuchtes Trinkwasser, Resistenzen und tote Böden, die den Pflanzenschutz zunehmend wirkungslos machen, das riesige Problem der Gülle aus der Massentierhaltung, verändertes Konsumverhalten durch gewachsenes Interesse am Wohl der Tiere und ein dramatischer Insekten- und Vogelschwund, all das und viel mehr kumuliert jetzt und stellt, endlich auch öffentlich diskutiert, das bisherige System der konventionellen Agrarchemie-Landwirtschaft grundsätzlich in Frage. Jetzt geht es darum, einen Weg für die Landwirtschaft zu finden, der die systemische Bindung an die Agrarchemie machbar für alle beendet. Dazu muß die moderne konventionelle Landwirtschaft, wie sie heute existiert, in Frage gestellt und neu überdacht werden, weit über das Verbot von Glyphosat hinaus. Es geht um den grundlegenden Unterschied der Philosophie des Anbaus. Sollte allerdings die Agrarindustrie erneut versuchen, wie in den USA und Südamerika längst üblich, Glyphosat-resistente Gentech-Pflanzen auch in Europa einführen zu wollen, muß Glyphosat sofort und endgültig verboten werden.

 

Bei der Anwendung von Pestiziden geht man immer von »sachgemäßem Gebrauch« aus. Die Praxis zeigt, das beweist alleine schon der Blick in viele konventionell bewirtschaftete Weinberge, daß es damit nicht weit her ist. Die sachgemäße Anwendung kontrolliert tatsächlich niemand. In zahllosen Fällen konnte in großem Stil Mißbrauch in der Anwendung nachgewiesen werden, nicht umsonst haben wir alle den Wirkstoff des Glyphosats nachweislich im Urin. Trotzdem sollte es bei der Diskussion über Glyphosat nicht allein um dessen gesundheitliche oder krebserregende Wirkung gehen. Viel wichtiger scheint uns die Problematik der Bodenveränderung durch Glyphosat.

 

Der Einsatz von Glyphosat führt nachweislich zu einer Verdichtung des Bodens. Dadurch kommt es zu Nährstoffmangel in den Pflanzen, der den Einsatz von Kunstdünger nötig macht.  Der tötet im Zusammenspiel mit dem Glyphosat das Mikrobiom von Nutzpflanzen nachhaltig. Es muß mehr gedüngt werden. Das geschieht mittels phosphathaltigem Stickstoffdünger, dessen Ende mit dem nur begrenzt verfügbaren Phosphor irgendwann bevorsteht. Biobauern holen sich dagegen die Nährstoffe gratis über entsprechende Nutzpflanzen und gesunden Boden aus der Luft und symbiotische Mykorrhiza-Kulturen, die nur in lebendigem Boden existieren, stellen die Versorgung mit Wasser und Spurenelementen sicher. Hier treffen zwei radikal divergierende Philosophien aufeinander, die es anzugleichen gilt. Schritt für Schritt. Die Mikrobiom-Forschung wird in den nächsten Jahren hierzu entscheidend beitragen.

 

Glyphosat ist das bestuntersuchte Herbizid der Welt ist. Weil es so heftige Gegner hat, kennt man Metaboliten und den Wirkungsmechanismus. Würde es verboten, hätten wir sofort Alternativprodukte unbekannter Nebenwirkungen auf dem Markt, weil die moderne Landwirtschaft ohne diese Mittel bislang nicht auskommt. Vor dem Hintergrund ist die ideologisch verkrustete Unterscheidung in schwarz und weiß, in konventionelle und biologische Landwirtschaft, zum Hemmschuh für eine positive Entwicklung in die richtige Richtung geworden. Natürlich muß sich die konventionelle Landwirtschaft verändern, will sie eine Zukunft haben. Das ist unbestritten und es ist höchste Zeit für den Wandel. Er muß deswegen aber nicht automatisch biologisch sein. Schon kleine Schritte genügen, kleine Veränderungen wie sie das englische Hope-Projekt und viele andere überall auf der Welt, auch bei uns in Deutschland (sie alle wären eigene Artikel wert), erfolgreich beweisen. Es geht darum, durch eine wie auch immer geartete »alternative« Landwirtschaft Verbesserungen für uns alle zu erreichen. Es geht um eine Landwirtschaft, die wieder versucht, auf der Basis naturwissenschaftlicher Erkenntnisse einer nicht nur industriehörigen Forschung, mit der Natur zu arbeiten, statt nur gegen sie. Die sich ihrer immens wichtigen Aufgabe, die sie für die Zukunft der Menschheit besitzt, in aller Vernetzung und Komplexität bewußt ist. Umgekehrt müssen wir als Verbraucher den Stellenwert dieser neuen Landwirtschaft erkennen und die Werte, die dadurch geschaffen werden, nicht nur schätzen, sondern auch bezahlen wollen (und können). Durch den noch kaum absehbaren, aber anstehenden Wandel in unserer so geliebten Mobilität werden sich hier in naher Zukunft schon Freiräume und ungeahnte Möglichkeiten eröffnen.

 

Der billige Preis von heute ist nur möglich, weil alle Folgekosten und Konsequenzen für Wasser, Luft, Umwelt, Strassen und Gesundheit, die das System der modernen Landwirtschaft verursacht, auf uns, auf die Allgemeinheit, abgewälzt werden. Die Betriebswirtschaft der multinationalen Großkonzerne saniert sich durch die Belastung der jeweiligen Volkswirtschaft, ohne entsprechende Steuern zu zahlen. Dieses immer mehr Ungleichgewicht in der Gesellschaft verursachende System muß analysiert und geändert werden.

 

Dabei könnte die Landwirtschaft der Zukunft z. B. für die Automobilindustrie und unsere Innenstädte geradezu Heilmittel werden, weil sie in der Lage wäre, durch Karbonisierung, Stickoxideinbau und andere Mechanismen, an die wir noch nicht zu denken bereit sind, viele Probleme nachhaltig lösen zu können. Australien macht es vor. Eine bewußt praktizierte, hochkomplexe moderne Landwirtschaft ohne Hardcore-Chemieeinsatz könnte mittels bewährter natürlicher Umwelttechnologien wie Permakultur, Agroforest oder Keyline-Bewässerung nicht nur zahlreiche Umwelt-Probleme lösen, sondern der Landwirtschaft auch neuen Wert und neues Selbstbewußtsein vermitteln. Hier tun sich ungeheure, längst bekannte Möglichkeiten auf, die von Politik und Wirtschaft aber bislang bewußt »übersehen« werden. Und der Bauernverband bremst, wider alle Vernunft, wo immer es geht, jeden Wandel aus. Die Geschichte wird zeigen, welch verhängnisvolle Rolle Politik und Interessensverbände, auch und gerade die der Bauern, für die Entwicklung einer neuen, besseren, zukunftsorientierten Landwirtschaft gespielt haben. Mit Provinzpolitikern ist der dringend nötige Wandel in der europäischen Landwirtschaft nicht zu schaffen.

 

Zurück zum Wein, der für die Entwicklung symptomatisches Beispiel ist:

Daß es der konventionelle Weinbau bis heute geschafft hat, sich aus allen Diskussionen rund um das Glyphosat herauszuhalten, ist ein Skandal. Tatsächlich stammen die meisten der heute als »groß« gefeierten Weine von Betrieben, die besonders intensiven Chemieeinsatz fahren, weil sie kein Risiko eingehen möchten auf der Jagd nach maximaler Rendite. Die verdanken sie Käufern, die das eigene Ego, das mittels teurer Weine belohnt und bestätigt werden will, nicht minder rücksichtslos über alles stellen. Es wird dringend Zeit, daß Wein ganz grundsätzlich diesbezüglich auf den Prüfstand gestellt wird.

 

Der kleine Winzer um die Ecke, der konventionellen Weinbau mittels des üblichen Chemieeinsatzes betreibt, kann es nicht anders. Er steht mit dem Rücken an der Wand, kann höhere Preise für wertigere Arbeit im Weinberg nicht realisieren, weil ihm dazu Wissen, Können und Mittel fehlen, und ist gezwungen, den Krieg gegen die Natur im Weinberg zu führen, um wenigstens einigermaßen über die Runden zu kommen.

 

Der bekannte Winzerbetrieb, der in den letzten Jahren gewachsen ist, setzt auf Krieg gegen die Natur im Weinberg, weil nur er es ihm ermöglicht, immer größere Flächen für wachsende Nachfrage maschinell und effizient zu bewirtschaften. Wenn er nicht längst auf Fremdbewirtschaftung durch Lohnunternehmen umgestellt hat, was viele bekannte Betriebe, die damit keine »Winzer« mehr sind, sondern nur noch Vermarkter der eigenen Weine, in aller Stille längst praktizieren. Es geht um Wirtschaftlichkeit, Erfolg und um Geld. Auf Kosten der Umwelt und damit der Allgemeinheit.

 

Über Dinge wie diese wird im Wein nicht gesprochen. Sie werden verschwiegen. Vermutlich deshalb, weil der Weinhandel sie gar nicht sieht, weil er längst zum Flaschenhandel mutiert ist, der so mit dem Wandel im Handel beschäftigt ist, daß er sich kaum noch mit dem Inhalt der Flaschen und deren Herstellung beschäftigen kann oder will. Dabei wäre es Aufgabe eines kompetenten Fachhandels, den Markt und seine Mechanismen zu kontrollieren und zu kommunizieren. Stattdessen ergeht er sich in unkritischen Lobeshymnen und macht sich zum Claqueur eines Systems, das in aller Ruhe von der systematischen Vorspiegelung falscher Tatsachen leben kann. Der Graben zwischen Forschung und Produktion ist im Weinbusiness groß. Der Handel steht außen vor. Er hat von der aktuellen Forschung in Sachen Wein keine Ahnung, von der Produktion von Wein nur begrenzt, wenn überhaupt. Die schreibende Zunft in Sachen Wein ist kaum besser. Sie hat sich verlagert auf neue Medien und neue Formen, kommt inhaltlich aber kaum über konventionelles Denken hinaus. Und die Sommeliers lernen Wein zu trinken, nicht aber zu beurteilen. Das muß sich jeder von ihnen selber beibringen.

 

In dieser Branche scheint man sich gegenseitig zu beweihräuchern, Kritik ist nicht erwünscht. Warum werden immer nur schöne Bilder von schönen Kellern gezeigt, nie aber informative Bilder aus den Weinbergen? Weil sie zeigen würden, wie dort gearbeitet wird – sofern man das als Händler, Schreiber oder Sommelier beurteilen kann. Der Weinberg würde die Wahrheit zeigen. Er informiert unmißverständlich über die Philosophie eines Winzers. Warum spielt diese noch immer keine Rolle bei der Beurteilung eines Winzers und seiner Weine?

Wenn im Wein, als einem der elitärsten Agrarprodukte, kaum Interesse an der Art und Qualität der Bewirtschaftung besteht, wie soll dann Interesse an der Zukunft der Landwirtschaft generell entstehen?

 

Inzwischen kann man ihn auf eindrucksvolle Weise im Mund erfühlen, den Unterschied zwischen konventioneller Chemiebewirtschaftung und der Kultur der Natur im Weinberg. Es entsteht eine neue Sensorik, die sich nicht mehr nur dem Duft eines Weines widmet, sondern das chemisch-physikalische Gefühl, das ein Wein im Mund auslöst, hinzuzieht. Die Weinbeurteilung nach Duft, Geruch und Bukett wird in naher Zukunft ersetzt werden durch die Beurteilung des Mundgefühls. Weine, die von lebendigen Böden stammen, also einer bestimmten Anbauphilosophie folgen, fühlen sich im Mund grundsätzlich anders an, dichter, geschmeidiger, weniger bitter und würzig statt fruchtig, als Weine aus konventionellem Anbau. Wenn der Boden nicht die Rolle spielen kann, die er spielen könnte, müssen Stil und Charakter mittels moderner Kellertechnik erzielt werden. Der Unterschied ist eklatant. Er wird in den kommenden Jahren zunehmend aufbrechen und zu einer neuen, grundsätzlich anderen »Wirk-Sensorik« führen, die den Wein und seinen Markt nachhaltig verändern wird. Man wird ihn schmecken lernen, den Unterschied zwischen bearbeitetem, lebendigen und unbearbeitetem, toten Boden. Man wird ihn schmecken können, den Unterschied der Philosophien. Und man wird ihn sehen und zu beurteilen lernen, draußen im Weinberg. Dann wird er sprechen, der Weinberg, und die Lügen im Keller als das desavouieren, was sie sind.

 

Diesem Unterschied widmen wir unser Weinprogramm, unsere Kommunikation und unsere Bildsprache im kommenden, neuen Jahr. Weil wir über den Wein Bewußtsein schaffen möchten für eine neue, andere Landwirtschaft, die Zukunft hat für uns alle. Ganz im Sinne von Kathrin Zinkants Kommentar in der SZ.

Unsere Tipps

2008

»Ruppertsberger Hoheburg» PC Faß 24

16,99 €

2009

Corison Wines

Cabernet Sauvignon Napa Valley

69,00 €

Ihr Kommentar: