• 04/04/2017
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  • Kolumne

Theater der Wichtigen: Bordeaux-Primeur 2016

Bordeaux 2016? Es ist wieder soweit!

 

1986 waren wir zum ersten Mal in Bordeaux. Lange ist es her. Damals gab es noch keinen Rummel um Bordeaux. Damals waren wir alleine unterwegs. Damals trafen wir durch Zufall auf einen Engländer namens Bill Blatch. Der hatte 1982 das Handelshaus VINTEX mitbegründet, das in einem kleinen Büro residierte und der erste Händler in Bordeaux war, bei dem man den neuen Jahrgang vom Faß probieren konnte, bevor es ihn »en primeur«, ein Jahr bevor er auf den Markt kam, zu kaufen gab. Bei Bill Batch lernten wir damals einen sehr netten Amerikaner kennen, der nicht nur sehr schnell verkosten konnte, sondern seine Verkostungsnotizen auch in affenartiger Geschwindigkeit in einem merkwürdigen Codesystem niederschrieb, das er in ähnlicher Geschwindigkeit wieder decodieren konnte: Robert Parker.

 

Der wohnte damals im Mercure-Hotel am Messegelände der Vinexpo. Abends gingen wir zusammen in die Restaurants der Stadt, aßen Aal in Rotwein, schlürften Austern, unterhielten uns über Jahrgänge, Verkostungsnotizen und hatten viel Spaß. In den folgenden Jahren fuhren wir zusammen unter Führung von Bill Blatch in kleiner Gruppe von Château zu Château, bekamen dort alles zu probieren, was es zu probieren gab, lernten viel und Viele kennen und waren schließlich unter den ersten, die Ende der achtziger Jahre Bordeaux zum Kauf »en primeur« anboten.

 

Viele Jahre war Bordeaux für uns wichtiger Bestandteil des Sortimentes. Jahr für Jahr verkosteten wir den neuen Jahrgang vor Ort, um ihn dann »en primeur« unseren Kunden anzubieten. 2006 stiegen wir aus dem Geschäft aus, weil uns viele andere Weinbaugebiete mehr reizten, sich als spannender erwiesen und wir das unsägliche Theater rund um die Primeurverkostungen satt hatten. Parkers damals wegweisende Punktebewertungen, die klar definierten Kriterien folgten, verkamen zur Perversion des Verkaufssystems Bordeaux. Die Châteaux vor Ort begannen ihre Weine mit seinen Punkten zu verkaufen. Damit war Bordeaux für uns gestorben. Andere Weinbaugebiete entwickelten sich weiter, wurden bunter, vielfältiger und spannender. Bordeaux blieb, was es immer war. Nur schlimmer.

 

Das Theater der Wichtigen

Wir sind zwar vor elf Jahren ausgestiegen, können Ihnen aber natürlich trotzdem noch immer genau sagen, was Sie zum Jahrgang 2016 wissen müssen und sollten.

 

Falls Sie es nicht schon ahnen: 2016 ist wieder ein sehr guter Jahrgang. 2014 war auch schon ein sehr gutes Jahr. Und 2015 war sogar noch einen ganzen Tick besser. 2016 könnte übrigens eventuell noch besser ausgefallen sein. Darin sind sich alle der großen Verkoster einig. Wollen Sie noch mehr wissen über den Bordeaux-Jahrgang 2016?

 

Ja, sie sind alle schon dagewesen, die großen Vorkoster dieser Weinwelt. Von Galloni über Robinson und Suckling bis zu den unvermeidlichen Bettane und Dessauve, ach ja, Neal Martin und Jean-Marc Quarin nicht zu vergessen. Sie waren vor dem Pöbel da und lassen nun über die sozialen Medien den Rest der Weinwelt wissen, daß sie längst alles verkostet haben.

 

Trotzdem werden wieder Tausende von Notizen in den kommenden Tagen aus allen Ecken und Enden des Internets quellen. Hunderte selbsternannte Weinpäpste werden uns ungefragt mit nichtssagenden Verkostungsnotizen nerven und uns ihre Punkte-Bewertungen um die Ohren hauen. Auf daß die Weinwelt staunend vor ihnen in die Knie sinke.

 

Dabei haben sie berühmte Etiketten vergessen lassen, daß sie Faßproben verkosten. Unfertige Weine. Oft extra für den Zweck in speziellen Fässern ausgebaut, durch die Malo geprügelt, auf die so wichtigen Verkostungswochen hingetrimmt. Zufällige Proben einerseits, bewußt angestellte Proben andererseits. Die Châteaux wissen, worauf es ankommt. Die großen von ihnen gehen kein Risiko ein. Sie wissen, was sie im Keller zu tun haben, damit die Weine so schmecken, wie sie schmecken sollen. Mit dem fertigen Wein haben viele dieser Proben nicht viel zu tun. Das war in den letzten dreißig Primeur-Jahrgängen immer wieder eindrucksvoll zu beobachten. Man denke an das vergessene Jahr 1985 im Vergleich zum fälschlich bejubelten harten 1986, an 1995 und 1996, und wer bitte hat 2012 den Jahrgang 2011, diesen köstlichen Charmeur, im Potential seiner besten Weine erkannt? Wen interessiert schon der Schnee von gestern, wo wir doch heute Petrus, Lafite und Mouton aus großem Jahr im Glas haben  ….

 

In die Weinberge geht es während der Primeurwoche übrigens nicht. Keine Zeit vor lauter Verkostungsstress. Sonst würde man sehen, wie traurig z. B. die Reben eines stets hochgelobten Grand Cru Classés in St. Emilion aussehen (siehe Bild oben): Der Boden totgespritzt durch jahrelangen Glyphosateinsatz, die Reben dadurch so geschwächt, daß sie für Fusarien und Virus- und Pilzbefall so empfänglich geworden sind, daß diese bereits viele Reben zerstört haben . . .  nur ein Beispiel von vielen.

 

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Mit Francois Mitjavile von Château Le Têrtre Rôteboeuf, St. Emilion, in den Weinbergen.

MitjavileimWeinberg

Hier zeigt er mir z. B. Blätter von mit »Flavescence dorée« befallenen Rebstöcken.

 

Unser Rat?

Vergessen Sie den Lärm um das hehre Gesöff ganz schnell! Es reicht zu wissen, daß 2016 ein sehr guter Jahrgang ist. Und wenn Sie dann noch die Namen von ein paar guten Châteaux kennen, ist der Jahrgang für Sie eigentlich schon erledigt.

Sie können sicher sein, daß keines der bekannten 30 Châteaux, um die es geht, den Jahrgang ruiniert hat. Die wissen, wie man guten Wein macht! So, wie sie wissen, wie man ihn verkauft. Wenn Sie also ein Château kennen, dessen Wein Ihnen bisher zugesagt hat, kaufen Sie dessen Wein getrost auch 2016.

Wieviele verschiedene Châteaux wollen Sie denn im Keller haben? Aus wieviel verschiedenen Appellationen? Schmecken Sie den Unterschied? Wieviele Flaschen von solchen Weinen trinken Sie eigentlich weg im Jahr? Bleiben Ihnen und Ihren edlen Bordeaux noch genügend Jahre des Genusses?

 

Kaufen Sie, wenn Ihnen der Preis zusagt. Bedenken Sie dabei bitte, daß Sie bei Anschaffungen wie z. B. Ihres Autos oder eines neuen Kühlschranks jedes Detail, alle Daten und Möglichkeiten penibel vergleichen, da schachern Sie um jeden Cent. Bei Bordeaux aber scheint Ihre Vernunft zu versagen. Da kaufen Sie blind ohne Probe, ohne Kenntnis des Marktes, ohne den Winzer zu kennen und ohne zu wissen, wie dieser in Weinberg und Keller gearbeitet hat, nur weil irgendein auf wichtig machender Mensch, den Sie weder gesprochen haben noch persönlich kennen, verlautbart hat, daß der und der Wein soundsoviele Punkte wert ist. Nicht Ihr Ernst, oder?

 

Lassen Sie sich Zeit für Ihre Entscheidung. Machen Sie es wie wir. Wir probieren und kaufen die Weine stets erst wenn sie füllfertig sind. Da sind sie zuverlässig zu beurteilen. Ohne jede Hast. Bis dahin ist der Staub der großen Aufregung verzogen, die Köpfe sind wieder klar, die Vernunft steuert wieder das Hirn. Wenige Wochen später ist das für viele ziemlich teure Ereignis schon wieder vergessen, und während die meisten Flaschen früherer Primeurjahrgänge in den Lägern der Welt weiter unrentabel auf Käufer hoffen, freuen wir uns schon auf das Primeur-Theater des Jahrgangs 2017. Er verspricht schon heute wieder ein ausgezeichneter, wenn nicht großer zu werden.

 

 

© K&U | Martin Kössler 3.4.2017

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