N° 1/2015. Jacquesson 1997 Avize Dégorgement tardif
  • Von Martin Koessler
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  • 01.01.2015
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  • Meinung

Das neue Jahr beginnt mit einem Champagner rarer Extraklasse aus dem Haus Jacquesson, einem der wegweisenden Familienbetriebe der Champagne. Zusammen mit Bruno Paillard gehört Jacquesson zu den Ausnahmen unter den Handelshäusern der Champagne. Beide beziehen über die Hälfte ihrer Trauben von eigenen Rebflächen, den Rest kaufen sie bei langjährigen Vertragswinzern zu. Wie die großen Marken der Champagne sind sie also »Négociant manipulant«. Doch sie führen ihre Betriebe engagiert wie die besten Winzer der Region, füllen ihre gesamte Produktion mindestens  als »Extra Brut«, also mit einer Dosage von unter 6 g/l, ab, wagen eigenständigen Charakter in ihren Champagnern und widmen sich dem Thema Reife, wie es sich kaum ein Winzer in der Champagne leisten kann.

 

Seit kurzem gärt es unter der Hochglanz-Oberfläche der Champagne. Die den Markt dominierenden, global agierenden Handelshäuser, die bisher kaum eigene Reben besaßen und deshalb von Tausenden von Traubenlieferanten abhängig waren, versuchen jeden Quadratmeter Rebfläche zu kaufen, dessen sie habhaft werden können. Dadurch steigen die Preise für Rebland ins Unermessliche. Zugleich aber beliefern sie Discounter und Supermarktketten in ganz Europa zu Preisen, die kaum die Herstellungskosten decken, und über Listungszahlungen kaufen sie sich aggressiv auf Restaurantkarten und in gastronomische Großprojekte ein. Sie scheinen so jene Marktanteile zurückerobern zu wollen, die sie in den letzten Jahren weltweit an kleine, engagierte Winzer und deren zum Teil grandiose „Single Estate Champagner“ verloren haben. Über diesen Krieg der Großen gegen die Kleinen wird in der Champagne heftig diskutiert. Ihn werden viele verlieren, unter den Kleinen nur die besten gewinnen. Monsieur Bruno Paillard von Champagne Bruno Paillard und die Brüder Jean-Hervé und Laurent Chiquet, denen Jacquesson gehört, haben die Herausforderung angenommen und stehen den engagierten Winzern der Champagne zur Seite. Gemeinsam setzen sie auf bewußt »andere« Qualität mit Persönlichkeit und Ausstrahlung, auf Machart und Stil, wie sie die großen Marken niemals werden bieten können. Sie haben so Champagner in den letzten Jahren grundlegend neu definiert, was die großen Marken so zu wurmen scheint, daß sie ihnen nun den Krieg erklärten.

 

Ein Wandel, der symptomatisch ist für die Weinwelt von heute. Große Betriebe und globale Strukturen erleben die Grenzen des Wachstums, werden vom Klimawandel qualitativ in Grenzen verwiesen und sind plötzlich auf die Selbstbedienungsregale des Lebensmittelhandels angewiesen, um überschüssige Produktion loszuwerden. Damit katapultieren sie sich aus den Regalen des Fachhandels. Der freilich hat in der Breite diesen radikalen Wandel verschlafen, ist von der Entwicklung überrollt worden und wird die kommenden Jahre wohl ums Überleben kämpfen müssen. Nur eine kleine Spitze im Fachhandel hat sich schon vor Zeiten umorientiert. Sie hat sich kleinen, individuell handwerklich arbeitenden Betriebe zugewendet, die Qualitäten liefern, die so anders sind, daß sie die großen Strukturen weder liefern können noch wollen. Handel im Wandel. Wein im Wandel.

 

Wir sahen den Wandel schon vor Jahren kommen und haben unser Sortiment entsprechend aufgeräumt und angepasst. Doch selbst aus unserem Sortiment finden sich hin und wieder Weine im Selbstbedienungsregal der Großfläche oder auf einschlägig bekannten Seiten im Internet, wo, ach wie originell, auch nur über den Preis verkauft wird statt über Qualitätskriterien. Wer in Zukunft als Produzent von Qualitätswein kein klares Konzept in seiner Distribution zu bieten hat, wird zumindest in unserem Sortiment keinen Platz mehr haben. Handel im Wandel.

 

Diese Herausforderung hat das Haus Jacquesson schon vor Jahren erkannt. Damals trennten sich die Brüder Chiquet von jenen Traubenlieferanten, die ihre Vorstellungen nicht hundertprozentig erfüllten. Sie verloren gut ein Drittel ihrer Produktion. Ein visionärer Schritt. Sie hatten verstanden, daß Größe zur Last werden kann und nur in kompromisslosen Qualitätskriterien mit entsprechend beherrschbarer Betriebsgröße die Zukunft liegt. Humane Dimension. Das Stichwort der Zukunft im hochqualitativen Weinbau. Das Haus Jacquesson lebt sie vor.

 

Jacquesson 1997 Dégorgement tardif. Ein großer Jahrgangs-Champagner auf dem Höhepunkt seines ersten Lebens. Avize, Grand Cru der Côtes Blanc, reiner Chardonnay. Degorgiert 2014. 17 Jahre auf der Hefe gereift. Ohne Dosage auf den Markt gebracht. Kompromißlos gegen den Zeitgeist und gegen den Markt. Der will es immer jünger, »frischer« und »fruchtiger«. Frucht ist hier gar nicht. Brioche, warmer Teig, geröstete Haselnüsse, tiefgründige Harmonie, entspannte Zeitlosigkeit. Reifer Champagner in rarer Perfektion. Sein Bukett ist überwältigend, stimmig und perfekt. Im Mund fällt vor allem extrem feine und noble Perlage auf, die in enormer Länge, getragen von knackig präsenter, aber unaufdringlich agierender Säure, typisch für ein Grand Cru der Champagne, am Gaumen ausklingt. Die Hefe dominiert das Geschehen. Es sind die Aromen ihrer Zersetzung während des langen Flaschenlagers, die diesen Champagner gewöhnungsbedürftig machen. Im Mund cremig aber sauer, mager aber rassig, weich aber strahlend und über diesem spannend widerspenstigen Zusammenspiel stehen die Aromen der langen Reife auf der Hefe, die an braune Butter ebenso erinnern wie an frischen Briocheteig. Das geschieht in fast analytisch wirkender Reinheit und Präzision, in unaufgeregter Perfektion und wirkt groß und zeitlos entspannt. Eindrucksvoll steht dieser Champagner zu seinem ersten Leben, jenem auf der Hefe. Es unterscheidet sich von seinem zweiten Leben, jenem ohne die Hefe auf der Flasche, vor allem in der physikalischen Wirkung seiner Blasen gravierend und ich finde es mutig, was Jean-Hervé und Laurent Chiquet hier zu demonstrieren wagen: Champagner als Kulturprodukt, dem jede Dekadenz abgeht.

Das Jahr 2015 hat programmatisch gut begonnen.

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