2014. Was ein Jahrgang ist und was er sein kann.
  • Von Martin Koessler
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  • 16.10.2014
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  • 3 Kommentare
  • Meinung

 

Weinherbst 2014. Ein neuer Jahrgang entsteht. Es waren die letzten Tage, die über seine Qualität entschieden. Zuvor hat es das Jahr den Winzern nicht leicht gemacht. 2014 wird vielen Winzern im Gedächtnis bleiben als das Jahr harter Arbeit, der Herausforderungen, der Zweifel, der Ängste. Viele von ihnen ließen ihrer Verzweiflung über die Probleme des Jahrgangs in den sozialen Medien freien Lauf. Selten haben Winzer einen Jahrgang derart öffentlich gemacht in seiner Entstehung. Auch deshalb wird es zu Fehl- und Vorurteilen über den Jahrgang 2014 kommen. Mit pauschalen Urteilen wird man diesem Jahrgang aber nicht gerecht. Da scheint uns Differenzierung angebracht.

 

2014 forderte die Winzer Nordeuropas mit subtropischem Klima. Das sorgte für alle Pilzkrankheiten, die möglich sind; Befall von Insekten, Mäusen, Wespen und Fruchtfliegen sowie Hagel, Frost und Sonnenbrand taten das ihre dazu. Die Wassermengen, die die Reben von Mittelitalien bis an die Saale, nach anfänglich ungewöhnlicher Trockenheit, im Sommer zu verarbeiten hatten, waren teilweise enorm. Die Menge an Trauben, die an den Reben hingen, ebenfalls. Einige Winzerverbände forderten im Juli auf ungewöhnlich drastische Weise, nach den mengenmäßig knappen letzten Jahren doch bitte mit Disziplin an die enormen Erträge des Jahrgangs 2014 heranzugehen. Sie hatten Angst um die generelle Qualität des Jahrgangs. Dann kam alles anders als erwartet. Das Wetter spielte nicht mit und der warme Winter schien unerwartet komplexe Folgen zu haben. Eine neue Herausforderung drohte den Winzern, die Kirschessigfliege (abgekürzt KEF). Eine vor Jahren aus Japan eingeschleppte Drosophila-Art, die ihre Eier vor allem in rotfarbige Trauben legt und durch kurze Generationsdauer und hohe Eiablage mit schnellem Populationsaufbau ungewöhnlich starke Schäden verursachen kann. Sie sorgte in Südtirol für teilweise enorme Verluste beim Vernatsch, bei uns war sie ab September mächtig im Vormarsch.

 

 

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Je näher es an den Herbst ging, um so mehr drohte das Szenario, den Jahrgang 2014 entweder unreif und faul, von der KEF befallen oder nach hartem Insektizideinsatz ernten zu müssen. Tatsächlich befiel die KEF zum Schluß auch weiße Trauben. Dies vor allem auf minderwertigeren Lagen und bei den frühreifenden Rebsorten. Dort sorgte sie mit Maden und Essigfäule für heftige Qualitätseinbußen. Sie wurde aber nicht zum entscheidenden Problem des Jahrgangs. Das wurde die schnell fortschreitende Fäulnis auch in noch nicht reifen Trauben.

 

 

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Deshalb stellte sich für viele Winzer in diesem Jahr die Frage nach Qualität nicht. Viele mußten unreif ernten, um der Fäulnis zuvorzukommen und wirtschaftlich überleben zu können. Viele mußten im Keller mittels moderner Önologie zu retten versuchen, was zu retten war, um trinkbaren Wein im Keller zu haben. Dagegen waren ambitionierte Winzer, allen voran biologisch wirtschaftende, mächtig im Vorteil. Sie spritzten nicht mit dem brutalen »Spintor« gegen die Kirschessigfliege, sondern setzten z. T. den umstrittenen Fruchtkalk ein, andere reagierten gar nicht. Weil ihre Erträge niedriger sind, waren ihre Beeren kleiner und gesünder, deren Schalen dicker und wurden insofern weniger attackiert. Sie praktizierten arbeitsintensive intelligente Boden- und Blattarbeit, dünnten aus, kontrollierten ihre Trauben permanent und setzten vor dem aufregenden Poker um den Erntezeitpunkt, der vielen unserer Winzer zum Schluß doch noch glückliche Gesichter bescherte, auf kompromisslos aufwendige Vorlese und danach knallharte Selektion der Trauben vor der Kelter. Nur mit den Spritzplänen der Argrarchemie war 2014 nicht zu beherrschen. Auch der biologische Weinbau stieß an Grenzen. Wer die Arbeit im Weinberg vernachlässigte, zählt 2014 unweigerlich zu den Verlierern.

 

 

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»Ich bin glücklich, daß wir morgen die letzten Parzellen vor den nächsten Flutwellen trocken und gesund heimbringen können» … oder … »Dies war meine 25. Lese. So etwas habe ich noch nie erlebt. Wir haben über ein Drittel an Menge durch die Auslese vor der Kelter verloren; die war aber nötig und hat tolle Qualität gebracht…«. Kommentare, die ausdrücken, wie hart es 2014 den Winzern gemacht hat. Zwar gab es auch Regionen, die weniger gefordert waren, doch werden sich alle Winzer Nordeuropas dieses Jahrgangs nachhaltig besinnen.

 

 

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Völlig unverständlich deshalb, daß der Weinhandel dem Jahrgang noch immer entscheidende Bedeutung beimißt. Als wäre er es, der die Qualität in den Wein bringt. Warum kann man dem Weintrinker nicht den Jahrgang sachlich in seinen Herausforderungen und den sich daraus ergebenenden Charakteristika erläutern? Dann könnte er damit einzuschätzen lernen, ob sich ein Winzer mittels Kellerdesign den Herausforderungen des Jahrgangs entzogen hat oder ob er ihn im Weinberg in Stil und Charakter präzise auf den Punkt getroffen hat. Es geht nur noch um das Engagement und die Kompetenz des Winzers, nicht mehr um die »Qualität« eines Jahrgangs. So waren in beiden Jahrgängen viele Winzer nicht in der Lage, auf die komplexen Herausforderungen der Natur entsprechend zu reagieren. Bei den einen erwiesen sich die Betriebe als zu groß, um so individuell und schnell, wie die Natur es forderte, im Weinberg reagieren zu können. Bei anderen hat der jahrelange intensive Einsatz synthetischer Dünge- und Spritzmittel die Physis der Reben so geschädigt, daß sie anders auf den Wandel der Natur reagierten, als die Agrarchemie es geplant hat. Doch es gab natürlich auch Winzer, die durch harte Arbeit den Charakter des jeweiligen Jahrgangs souverän einzufangen imstande waren. Der Klimawandel und seine Konsequenzen zwingt eine Branche, vom Winzer zum Handel, in den Umbruch.

 

 

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Vermutlich also wird 2014 so verrissen, verrufen und mißverstanden wie 2013. Um derart komplexe Jahrgänge seriös interpretieren zu können, muß man ihre Herausforderungen kennen. Dann versteht man, warum ihre guten Weine nicht »billig« sein können, es aber trotzdem sind, denn die Risiken der Natur, denen die Winzer in Zeiten des Klimawandels ausgesetzt sind, sind in keiner Flasche Wein eingepreist. 2014 wird für die Winzer ein teurer Jahrgang. Weinbau, der nicht gegen die Natur agiert, sondern sich an ihr orientiert, ist vor allem unkalkulierbares Risiko. Wer da oben mitschwimmen will, muß extrem gut sein, sehr engagiert, gut informiert, und er muß hart arbeiten können. 2014 wird die Qualität der Winzerarbeit schonungslos riech- und schmeckbar entlarven. Dies mit Respekt und Kompetenz zu beurteilen, ist Herausforderung für uns alle.

Denken Sie daran, wenn Sie in diesen Tagen ein Glas Wein genießen, und vergessen Sie es nicht, wenn sie den Wein des neuen Jahrgangs probieren.

 

Wir wünschen einen nachdenklichen, aber auch so schönen wie genüßlichen Herbst 2014.

 

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Photos © Knut Pflaumer/Drehmomente.

Rechts oben in der Empfehlungsleiste als besonderer Tipp ein paar Gutsweine des Jahrgangs 2013. Überzeugender Beweis souveräner Qualitätsarbeit.

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Kommentare
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3 Kommentare
Saar - erste Eindrücke aus 2014 mit v. Othegraven | der Weinblog
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30.Aug.2015
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[…] beitragen. Dies jetzt zu erläutern käme einem Riesenexkurs gleich. In Worte fassen kann das Martin Kössler hundert mal besser, absolut […]
Karen Mischke
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28.Oct.2014
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Ich finds eher langatmig und nicht gekonnt...
Louis Geirnaerdt
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20.Oct.2014
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Herrlich geschrieben und sicher auch richtig. Vielen Dank lieber Martin!