Grandiose Verkostung: 10 Jahre Idig, Morstein und Kastanienbusch.
  • Von Martin Koessler
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  • 28.08.2014
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Nach fünf Jahren Pause die zweite Vertikale Idig, Morstein und Kastanienbusch. Dieses Mal bei Birgit und Hansjörg Rebholz in der Südpfalz. Birgit Rebholz fehlt oben im Bild leider, sorry. Brillant organisiert, spannende Weine, illustre Teilnehmer. Ganz lieben Dank für die so herzliche Gastfreundschaft und die sensationelle Organisation!

 

Idig, Morstein & Kastanienbusch in den Jahrgängen 2004 bis 2013

 

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 Die Weine wurden in Magnums bzw. Doppelmagnums ausgeschenkt

 

 

– Wittmann Morstein:

Wir vertreiben den Wein, damals noch aus der Hand von Vater Günter Wittmann, seit dem Jahrgang 1988. Schon in der letzten Probe vor fünf Jahren, die bis ins Jahr 1989 reichte, war aufgefallen, wie wenig der Lagencharakter sich von der Art der Weinbereitung (Günter Wittmann Reinzuchthefe und Edelstahl, Sohn Philipp Spontangärung und Holzfaßausbau) beeindrucken ließ. Das bestätigt auch diese Probe. Morstein gibt sich, über alle Jahrgänge hinweg, und mögen sie so unterschiedlich sein wie 2008 und 2009 oder 2010 und 2012, souverän lagengeprägt. Der Wein scheint sich fast weigern zu wollen, die Art seiner Weinbereitung preiszugeben. Morstein besitzt aristokratische Konstitution. Unaufgeregt, sehr organisch im Charakter über die Jahrgänge hinweg, fast zeitlos wirkend, losgelöst vom Hier und Jetzt. Das Jahr scheint nur für eine stilistische Tönung verantwortlich, wogegen die Lage Mundgefühl und Charakter signifikant dominiert. Der Einfluß der Weinbereitung ist kaum identifizierbar.

 

Auffallend finde ich, daß der biologische bzw. biodynamische Anbau eine innere Dichte schafft, wie sie nur wenige Spitzenweine besitzen. Sie ist im konventionellen Anbau nur mit Kellertricks nachzustellen, wirkt da aber nie so souverän und beruhigend, so angenehm leise im Duft und so selbstverständlich entspannt, wie in diesem großen, in sich ruhenden Lagenwein. Dem scheinen kühlere Jahre besser zu liegen. Da kann er die Wärme seiner Lage mit der Kühle seiner Böden in eine pikant fokussierte Würze transferieren, die gelb und reif wirkt, zitrusfrisch im Hintergrund, dezent phenolisch in der Physis, ohne bitter oder schwer zu sein; stets offenbart er dabei ein lebendiges Spiel in der Säure, daß ihn seinen Weg über die Zunge durch die Dichte der Struktur wie zwischen Leitplanken bahnen läßt. In warmen Jahren wird Morstein schnell mollig und rund, auch muskulös und kraftvoll, er verliert aber nie den Fokus und wirkt trotz warmer Opulenz straff und grundsätzlich kühl. Morstein von Wittmann braucht Zeit. Das hat diese Probe eindrucksvoll gezeigt. Weine dieser Qualität reifen besser als erwartet, das hat uns alle überrascht. Das offensichtlich präzis reife und gesunde Lesegut, die sorgfältige Verarbeitung, die spontane Gärung, das lange Hefelager und der Ausbau im Holzfaß mit schonender Schwefelung sowie ein optimaler pH-Wert sorgen dafür, daß sich ein Morstein, je nach Jahrgang, erst zwischen dem vierten und achten Jahr zu voller Blüte entfaltet. Beeindruckend rare Lagen- und Weinpersönlichkeit. Weniger „schön“ als gut.

 

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 Mitarbeiter Christoph Schlee (re.) bei der Verkostung

 

– Christmann Idig:

Ähnlicher Boden wie im Morstein. Gänzlich anderer Wein. Markantes Unterscheidungsmerkmal die ausgeprägt gelbwürzige Aromatik, die im Stadium der Jugend intensiv weißen Blütenduft freisetzt. In den ersten Jahren erinnert sein Aroma auch an frisch aufgebrühten Kamillen- und Kräutertee und kann sogar die von mir so gehassten Bonbonaromen aufweisen. Weit weniger steinig und dunkelwürzig gelb als Morstein. Sein faszinierend tiefgründiges Mineralitäts- und Lagenprofil beginnt sich erst mit einsetzender Reife zu entwickeln. Steffen Christmann hat seinen Idig radikal fokussiert und präzisiert, er hat ihn reduziert im Botrytis-Einfluß, ihm sehr viel mehr innere Dichte vermittelt und macht so den biodynamischen Anbau schmeck- und vor allem fühlbar im Mund. In der Probe vor fünf Jahren sorgte der deutliche spürbare Sprung vom konventionellen zum biologischen Anbau schon für Staunen. Heute macht Steffen Christmann seine Arbeit im Weinberg so schmeckbar, daß man mit dem Jahrgang 2010 eine neue Dimension der Lage in seinem Idig zu entdecken meint.

 

Idig wirkt grundsätzlich wärmer als Morstein, hat mehr Speck auf der Hüfte, läuft weniger fokussiert über die Zunge, wo er mehr Mitte und mehr »Fett« offenbart. Seit dem Jahrgang 2010 scheint er an samtiger innerer Dichte zuzulegen. Für seine warme Pfälzer Art ist er enorm präzise, wenn auch extraktreich und dicht im Mundgefühl; mit jedem Jahr der Reife gewinnt er an kräuterwürzigem Profil, das gelber wird in der Tönung und sogar Anklänge an Kakao und Karamell entwickeln kann, ohne auch nur einen Hauch Oxidation zu zeigen. Seine südliche Lage, seine spät reifenden Böden und seinen oxidativen Ausbau im Holzfaß auf der reduktiven Feinhefe verleugnet dieser Wein nicht und so dominiert die Physik des Hefekontaktes, neben dem kalkig lehmigen Lagencharakter, seinen Auftritt. Zwischen kühlen und warmen Jahrgängen weiß Idig bewußt zu unterscheiden. In warmen Jahren fällt er opulent aus, gelbwürzig reif, dann schmeckt er fleischig, warm und mundfüllend, ersetzt die Mitte auf der Zunge durch geschmeidige Fülle. In kühlen Jahrgängen beweist er rasante Frische und Länge im Mund, weißblütige Würze, deftige und rau wirkende, an den Zungenrändern fast scharf agierende Mineralität, da wirkt er kalkiger und karger, straffer und fokussierter als in jenen warmen Jahrgängen, in denen er seine Pfälzer Herkunft fast wollüstig zu zelebrieren scheint. Ein Idig läßt erst ab dem dritten, vierten Jahr seinen Lagencharakter spielen, danach reift er so brillant wie zuverlässig. So ist der umraunte, erstaunliche 2004er heute ein vollreifer, dunkelwürziger, merkwürdig an reifen Chenin Blanc erinnernder, eindrucksvoll dimensionierter Riesling, der mehr für seine Pfälzer Herkunft als für seine Lage steht. Christmanns Idig bescheinige ich Zukunft. Der brillant gelungene Jahrgang 2013 stellt für mich den vorläufigen Höhepunkt seiner stringenten Entwicklung dar. So filigran und fast fröhlich und leicht wirkend, zugleich aber dicht und konzentriert in der Mitte mit spielerischem Alkohol und mächtigem Zug auf der Zunge agierend, habe ich ihn jung noch nie probiert. Idig hat in den letzten Jahren imposant an Profil gewonnen. Für mich einer der großen charaktervollen Lagen-Rieslinge der Pfalz, auch wenn das manche (noch) nicht so wahrhaben wollen. Ich attestiere enormes Potential für morgen und übermorgen.

 

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 Nein, an der Farbe war kein Jahrgang zu erkennen

 

– Rebholz Kastanienbusch

Kein Wein von Kalk oder Lehm, sondern vom sogenannten »Rotliegenden«, also Schieferboden, der rotoxidierte Eisenablagerungen enthält. In der Pfalz findet man diesen Boden, der auch »Roter Schiefer« genannt wird, ausschließlich im »Kastanienbusch«. Seit 2006 bewirtschaftet auch Familie Rebholz ihre Weinberge zertifiziert ökologisch. Das GG stammt aus den besten Parzellen, einer Südsteillage mit 30 und 40% Steigung. Hansjörg Rebholz huldigt kompromißlos dem reduktiven Ausbau. Seine Weine sollen knochentrocken auf Flasche kommen. Nach selektiver Handlese werden die Trauben entrappt und nach 24-stündiger Maischestandzeit schonend entsaftet. Die Vorklärung erfolgt durch natürliche Sedimentation des Mosttrubes, anschließend wird der Most in Edelstahltanks mit einem neutralen Reinzuchthefestamm vergoren. Bis auf die Reinzuchthefe, die er für seinen Stil braucht, verweigert Hansjörg Rebholz alle Zutaten moderner Önologie, er entsäuert nicht und reichert auch nicht an.

 

Durch den besonderen Boden und die beschriebene reduktive Weinbereitung brauchen Rebholz-Weine viel Zeit, bis sie beweisen können, was in ihnen steckt. Vor vier bis fünf Jahren sollte man einen Kastanienbusch nie öffnen, erst danach entfaltet die Lage ihren unverwechselbaren Herkunftscharakter. Vorher wirkt der Wein technischer geprägt, als er es ist, und er verweigert den genüsslichen Zugriff durch verschlossen wirkende, vordergründig nette Fruchtigkeit, die banal reduktiv daherkommen kann und deshalb falsche Rückschlüsse auf Qualität und Potential geradezu provoziert. Führt Punktebewertungen ad absurdum.

Mein persönliches Resümee dieser Probe? Kastanienbusch hat sich schwer getan gegen die beiden anderen Lagen. Der Wein tritt generell weniger expressiv auf in Duft und Geschmack und reagiert intensiv und unmittelbar auf kühle oder warme Jahre. Die lassen ihn entweder mager, schlank und filigran, fein und sensibel rauchig wirken, setzen Zitrus-, Apfel-, Pfirsich- und Aprikosenaromen frei, oder sie lassen es krachen und treten pikant gewürzt und mineralisch auf in Aromen von Rauch, Pfeffer, Feuerstein, Heu, Tee oder getrockneten Kräutern, warm im Trunk, intensiv im Duft und seidig aber satt im Mundgefühl. In der Jugend durchzieht ihn stets verhalten gelbwürzige Pfalz-Frucht mit charakteristisch weiß und kühl wirkenden Blütenaromen, die sich im Stadium der Reife in faszinierend komplexe dunkle Lehm- und Erdaromen verwandeln. Sie prägen diesen Wein unverwechselbar und scheinen typisch zu sein für das Rotliegende. Je reifender sich ein Kastanienbusch präsentiert, um so mehr scheint sich sein Aromenspektrum in verhalten orange und braune Töne zu hüllen, die an aufgebrochene Erde, Torf und Gestein erinnern.

Die Umstellung auf den biologischen Weinbau erfolgte erst 2006. Sie streßt die Reben, denn sie müssen sich von Vollpension auf Diätkost umstellen; das prägt sie und ihren Wein über Jahre hinweg. Ich bilde mir ein, die Umstellung im bravourös gemeisterten Jahrgang 2010 schmecken und fühlen zu können. Jahrgang und Wein stechen heraus, sorgen für Erstaunen ob ihrer Dichte und Mitte, ihrer Reife und Fülle im Mundgefühl, mit einer so weichen wie seidig agierenden Säure, die durch massiv dichte Struktur so gepuffert wirkt, daß ein Gefühl physischer Substanz entsteht. Mit diesem Jahrgang scheint im Kastanienbusch eine neue Ära anzubrechen. Man darf gespannt sein, wohin der Wandel führt. Kastanienbusch hat sich in dieser Probe als radikaler Charakterdarsteller präsentiert, der die Jahrgänge nackig und ungeschminkt widerspiegelt. Klares Profil. Mut zu Persönlichkeit. Nicht einfach zu verkosten, nicht „schnell“ zu mögen. Kein GG für die große Show, sondern ein intellektueller Langläufer für Leute mit Sinn für Zeit und Raum.

 

Durch Verkostungen wie diese entstehen große Gewächse erst. Eigentlich sollten sich alle großen Gewächse einer derart harten Vergleichsprüfung über 10 und mehr Jahrgänge in regelmäßigen Abständen unterziehen. Diese drei Weine sind exemplarische große Gewächse, an denen sich alle anderen messen lassen müssen. Sie haben sich über ihren Charakter, ihre Entwicklung und ihre Entwicklungsfähigkeit als solche bestätigt und geben Definitionskriterien für das große Gewächs vor. Nur durch solche Vergleichsverkostungen werden sie einschätzbar, schaffen Vertrauen, erhalten ein Gesicht und beflügeln jene Vorstellungskraft, die man von ihnen hat. 

 

Vertikale_Gesellig Kopie

Die Crème de la Crème der deutschen Weinszene zu Gast bei Familie Rebholz

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