Dem Jahrgang 2013 auf der Spur
  • 29/01/2014
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  • Reportage

Dem Jahrgang 2013 auf der Spur. St. Antony & Ress

Dem Jahrgang 2013 auf der Spur…

 

Teil 1

 

… keine Hetze, keine Eile. Wer jetzt 2013 probiert und prompt unkt, handelt grob fahrlässig. Die Weine sind teilweise noch in der »Malo« (branchendeutsch für Malolaktik=Milchsäureabbau, also die zweite Gärung als Umwandlung der aggressiven Äpfel- in die mildere Milchsäure), und zeigen die typischen Diacetyl-Noten nach verbrannter Milch, frischem Quark und Joghurt bei den Weißweinen oder sie gebärden sich »schön stinkig« reduktiv bei den Roten. Mit der Erfahrung von 30 Jahren Faßprobenverkostung sei uns trotzdem eine allererste, vorsichtige Annäherung an den neuen Jahrgang erlaubt. Vorerst bei zwei Betrieben: St. Antony in Nierstein und Balthasar Ress in Hattenheim. Teil 1.

 

Felix Peters, der sympathisch unaufgeregte Blaufränkisch-Meister von der Rheinfront, empfing uns heute bei St. Antony in Nierstein zum ersten Blick auf seinen Jahrgang 2013 in Rot, sowie auf den Jahrgang 2012, der füllfertig ist und im Februar auf Flasche kommen soll.

 

Seine beiden Blaufränkisch entwickeln sich nach der überaus erfolgreichen Premiere 2011 zu faszinierender Eigenart im Spiegel ihrer Herkunft. Wer noch immer behauptet Blaufränkisch in Deutschland, der übrigens nicht das Mindeste mit dem potentiell artgleichen Lemberger in Württemberg gemein hat, hätte keine Zukunft und bliebe Exot, der irrt. Er wird sich in den kommenden Jahren eines Besseren belehren lassen müssen. Zumindest aus der Hand von Felix Peters kann deutscher Blaufränkisch ganz oben mitspielen und beweist seine Eignung für die warmen Lagen an der Rheinfront auf eindrucksvolle Weise.

 

 Blaufränksich St. Antony

Hier reifen sie, die Blaufränkisch 2013 von St. Antony

 

2013 fällt der Basis-Blaufränkisch, ein schon verdammt süffig wirkender, kühler, schlanker und am Gaumen trinkfreudig lange nachklingender Wein, fein gewirkt in den Gerbstoffen aus, richtig raffiniert, seidig, unbedingt an Pinot Noir erinnernd, auch in der Farbe ähnlich, also dunkel getönt, aber transparent in der Intensität, erfrischend kühl im Charakter, getragen von einer quicklebendigen, aber unaufdringlich präsenten Säure, die den Jahrgang auf sehr agile Weise zu charakterisieren scheint. Nie wirkt sie aufdringlich, sondern, anders als bei 2012, wo sie teilweise doch sehr dominant im Geschmacksbild stand, trotz nominell sportlicher Werte und niedriger pH-Werte ungewöhnlich harmonisch integriert in ein süffig wohliges Mundgefühl, das durch dichte Mitte mit Substanz und Physis verblüfft.

Ich habe nach den bisherigen Verkostungen des Jahrgangs den Eindruck, daß die Biowinzer dieses Jahr in Punkto physiologischer Reife den konventionellen Winzern deutlich überlegen sind. Der Unterschied scheint weniger schmeck- als fühlbar zu sein in der Substanz der Weine und in ihrer Länge und Präzision. Das muß jeder für sich ausprobieren und erleben, aber mit scheint dieser Unterschied dieses Jahr eklatant.

 

2013 ist ein Jahrgang, der nicht nur recht harmonisch wirkt, sondern auch überaus aromatisch, würzig intensiv, und, wer hätte es gedacht, derwärmer wirkt im Charakter, als der Jahresverlauf gefühlt war.

 

 

Felix Peters

 

 

Zurück zu Felix Peters (oben im Bild). Seine 2013er Reserve Blaufränkisch präsentiert sich in Einzelteilen noch ungehobelt, roh und unfertig. Trotzdem zeigt sie das irre Potential dieser Rebsorte im Pettenthal. Der dickschaligen Rebsorte scheint der Jahrgang keinerlei Probleme bereitet zu haben. Perfekt reif, komplex reintönig, aromatisch pur und präzise, dichte, seidige Finesse, fein und sensibel inszeniert, dazu pikant gewürzt mit dem typischen Pfeffer im Duft, den dunkelblauen Noten nach frischem Lorbeer und Wacholder, nach Veilchen und Teer, toll. Ein Wein der sich im Mund mehr anfühlt, als daß er schmeckt. Hier trifft das Wort Sensation endlich mal zu, denn der Wein löst schon heute eine Sensation im Mundgefühl aus, die Weinqualität fühl- und nachvollziehbar macht. Überzeugende Avantgarde des deutschen Rotweines.  Ein Rohdiamant, der nicht mehr viel Schliff braucht, um zu strahlen.

 

2012. Mutig prägnanter Jahrgangsunterschied. A totally different animal. Toll, wie Felix Peters und sein Team den Weinen den Charakter der Natur überlassen, sei es Jahrgang oder Herkunft. Ihr Basis-Blaufränkisch des Jahres 2012 ist ein muskelbepackter Bursche im klassischen Feinrippunterhemd. Der zeigt, was er kann. Deftig und kraftvoll für Blaufränkisch, dicht gepackt, kernig und dunkel würzig, trotzdem aber faszinierend kühl im Trunk, nicht schlank, aber auch nicht breit, eher deftig und herzhaft. Das wird eine irre lustvolle Flasche fürs Geld, die dem Wein Riesenerfolg bescheren wird. Wenn nicht, ist dem Markt nicht mehr zu helfen . . .

Ganz anders dagegen die Reserve 2012. Zart besaitet, sensibel und sinnlich. Flanell mit Kaschmir. Beeindruckend. Der große Wein als der feinere, leisere, elegantere und delikatere. Felix Peters weiß, wie sich Größe im Wein definiert. Ungemein druckvoll im Mund, fast schon rasant mineralisch, prägnant würzig, und das alles in puristisch präziser Länge ohne Breite, dennoch, aber kühl und seidig. Wein mit Gefühl und Sinn.

Paradigmenwechsel weg vom hohen Alkohol, weg von nüsternblähender Breite und Opulenz, hin zu schlanker Finesse und grandioser, raffinierter Länge. Weg vom simplen Geschmack, hin zum Mundgefühl. Paradigmenwechsel für Fortgeschrittene. Wer große Burgunder kennt und edle Nordrhône-Syrahs schätzt, der kommt mit dieser Reserve garantiert zurecht. Felix Peters hechelt keiner Stilistik hinterher, die mich im deutschen Spätburgunder so nervt, er genießt die Freiheit der ureigenen, natürlichen Interpretation, weil es im Blaufränkisch ganz einfach kein Vorbild in Deutschland gibt. Ein Vorteil, den er zu nutzen versteht. Bravo. Wir freuen uns sehr auf diese Weine.

 

Felix Peters ist meiner ganz persönlichen Meinung nach, ich hoffe, er nimmt mir das nicht übel, der bessere Rotwein- als Weißwein-Mann. Seine Rotweine leben, die vibrieren, die haben Eigenart. Seine Weißweine sind sehr gut, manche auch groß, aber sie wirkten auf mich bisher konstruierter und technischer als seine Rotweine. Um so erstaunter waren wir heute über zwei seiner Rieslinge aus Lagen, die man eher weniger kennt, die aber regelrecht vibrierten im Glas und uns spontan begeisterten: »Orbel« und »10 Morgen«.

 

Der »Orbel«, die vielleicht kühlste Niersteiner Lage mit entsprechend kühlem Kern im Wein, präsentiert sich rassig, strahlend frisch und säurebetont, ohne anzuecken. Ein erfrischend eigenständiger, mutig unbequem wirkender Kontrapunkt zur fast schon normiert wirkenden Zitrus- und Kalk-Stilistik, der Rheinhessens Winzer inzwischen, weit weg von Terroir und Herkunft, blindlings zu folgen scheinen.

Noch spannender eine Lage, die ich noch nie gehört habe: »10 Morgen«.

Winzige Produktion, 50 Jahre alte Reben auf einer alten steilen Terrassenanlage, enorm spannungsvoll, druckvoll wie großer Burgunder, rassig bis zum Anschlag, kristallin im Charakter, brillant im Säurespiel und derart offensiv Charakter wagend, daß diesen Wein in Deutschland nur wenige Freaks verstehen werden. Glaube ich. Genau das, was wir suchen. Demnächst bei uns im Programm.

Tolle Verkostung, spannende Weine, mutige Präsenz. Danke Felix.

 

 

Neue Mütz aufs Würtz

 

 

Dirk Würtz & Balthasar Ress.

Was für eine Paarung. Der quirlige, eloquente Rheinhesse, der erst aufhört zu reden, wenn man den Stecker zieht, und das alte Schiff mit junger Besatzung im angestaubten Rheingau, das dabei ist, sich neu zu erfinden, passen zusammen, wie die Faust aufs Auge. Christian Ress bewundere ich. Er ist gut im Marketing, er ist gut im Vertrieb, und er ist das äußerliche stille »Mind behind« in seinem eigenen Weingut. Als Steuermann des alten Schiffes nimmt er Kurs auf zu neuen Ufern, läßt Dirk Würtz dabei schalten und walten und scheint manchmal selbst zu staunen, wo ihn der hinführt, steht aber hinter allem, was passiert. Hier sorgt kein dicker Sponsor für dicke Backen, hier kann keiner Geld ausgeben, das ihm nicht gehört, hier muß das Geld seriös aus eigener Tasche kommen und vorher verdient werden. Richtig seriöser Wettbewerb bläst hier mit steifer Brise ins Gesicht.  2013 war wirtschaftlich eine Katastrophe, 2012 und 2011 kaum besser. Die Mengen waren einfach zu klein. Trotzdem nimmt die Mannschaft um Christian Ress Kurs auf den dringend nötigen Wechsel in Image, Qualität und Auftritt.

 

Stilleben Ress1

 

Deshalb ist es nur zu verständlich, daß die Weine im unteren Teil des (mir zu) umfangreichen Portfolios konventionelle Rheingauer Rieslinge sind, trocken oder mit Restzucker, mittels Reinzuchthefe, Enzymen und kühler Vergärung im Edelstahltank technisch sauber, ziemlich gut, blitzblank und wunderbar trinkig in Szene gesetzt, weit über dem Rheingauer Durchschnitt und ersichtlich auf dem Durchmarsch zu neuen Horizonten, stilistisch aber eben doch konventionell. Das Weingut braucht schließlich Fett auf den Hüften, um sich die Spielereien von Dirk Würtz leisten zu können. Diese »Spielereien« freilich sind bitterernst, denn sie sind Teil jener Vision, nach der das Weingut in Zukunft leben will. Christian Ress unternimmt den mutigen Versuch, Stück für Stück seine 47 Hektar Rebfläche auf biologischen Anbau umzustellen. Den strebt er an, weil er bessere, spannendere, lebendigere, authentischere Weine im Keller haben will. Die sollen auf ihren eigenen Hefen vergären, die sollen ohne Eingriffe im Keller auskommen, die bräuchten entsprechend passende Holzfässer, damit sie so charaktervoll wie möglich ausfallen. Doch all das kostet Geld und der deutsche Markt versteht die Weine neuer Generation bislang nicht so, daß sie wirtschaftlich produziert und verkauft werden können. Einmal mehr agiert hier ein Winzer vor dem Markt, während der Handel eine Entwicklung verpennt. Christian Ress müßte seine angestammte Kundschaft zumindest zum Teil auswechseln. Weil der Bioanbau zu sinkenden Erträgen führt, kann er sich all das derzeit nicht so leisten, wie er gerne möchte. Deshalb geht es im preiswerten Teil des Sortimentes eher konventionell zu, wenn auch mit den Duftmarken sich ankündigenden Wechsels, während er zusammen mit Dirk Würtz im oberen Teil des Sortimentes, dort, wo die Lagen ihren unverkennbaren Stempel tragen dürfen, den Aufstand probt. Das tun die beiden so radikal wie ungeschminkt. Probiert man sich quer durch den Keller erlebt man die Realitäten des Marktes in einem Sortiment.

 

Ein Weingut, das den Wandel der Zeit erkannt hat und ihn erstaunlich offen und transparent propagiert. Ich finde es bemerkenswert, wie offen über die Problematik dieses Wandels gesprochen wird. Ich finde es mutig, ihn seinen Kunden verkostbar und erlebbar zu machen. Das gelingt mit einem Team, das hinter Christian Ress und Dirk Würtz im gemeinsamen Wunsch steht, das alte Schiff zu neuem Leben zu erwecken. Mental, aber auch im  Glas, hat sich diese Mannschaft von der Rheingauer Weinrealität abgekoppelt, hier herrscht kein Mainstream mehr mit Gletscherbonbons, Maracuja-Saft und Gummibärchen im Glas, hier geht’s kraftvoll zur Sache, würzig aber nie fruchtig, kernig auf der Zunge oder spielerisch elegant, je nach Lage dicht und wild, hefig stinkig oder lieblich saftig mit Spiel.

 

Würtz<_Probe

 

 

2013. Ein Jahrgang, den es im Weinberg zu meistern galt. Man wird im Rheingau alles zu probieren bekommen in diesem Jahr, vom ehrlichen Terroirwein bis zum entsäuerten Weichei, dem hinterher wieder Säure zugesetzt werden mußte. Wer verkosten kann, wird den Unterschied notieren. Wer nicht verkosten kann, wird drauf reinfallen.

 

Im Hause Ress prägt den Jahrgang 2013 kraftvolle Säure, die von erstaunlicher Harmonie und Balance gepuffert wird. Alle heute verkosteten Weine, eine schriftliche Aufstellung ist bei der Würtz´schen Geschwindigkeit selbst mittels Stenographie kaum zu bewerkstelligen, wirkten bereits erstaunlich harmonisch und dicht im Mundgefühl. Obwohl viele sich noch im Säureabbau befanden, gab es eine erstaunliche reife Struktur zu bewundern, vor allem einige restsüße Spät- und Auslesen brillierten mit köstlicher Balance, ein Jahrgang, der für natürlich restsüße Weine prädestiniert zu sein scheint.

 

Ich kann und will keinerlei Wertung abgeben über den Jahrgang, dazu sind einige der Weine noch viel zu rudimentär, aber die großen Lagen des Rheingau strahlen im Ress´schen Keller dieses Jahr derart natürlich und kraftvoll, wild, ursprünglich und ungestüm aus dem Glas, daß man zum Teil staunt über den Mut ihrer Macher. Sie hatten dieses Jahr keine Angst vor dichter Struktur und dem Spiel der Muskeln, trocken, mächtig und kompakt  ziehen große Lagen wie Nußbrunnen oder Wisselbrunnen über die Zunge, andere Lagen präsentieren sich feinziseliert und spielerisch restsüß schwebend. Ein spannend vielfältiger Jahrgang, der in der Spitze des Portfolios garantiert wieder für Furore sorgen wird. Lassen wir ihm Zeit, um sich zu entfalten. Jedes Urteil über den Jahrgang wäre zu diesem Zeitpunkt in diesem Keller voreilig. Der Würtz wird´s schon richten. Dem traue ich alles zu. Und Christian Ress wünschen wir, daß der Wandel so kommt, wie er ihn geplant hat. Auch wenn´s immer länger dauert, als man denkt. Danke für die tolle Verkostung, bis bald. Wir kommen wieder.

 

St. Antony Blaufränkisch. Vom brillanten Erstlingsjahrgang 2011 haben wir noch ein paar letzte Flaschen verfügbar. Es lohnt sich. Siehe rechts oben.

Unsere Tipps

2011

St. Antony

Blaufränkisch »K&U-Sonderedition«

16,00 €

2011

St. Antony

Blaufränkisch »Reserve«

32,00 €

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