Auf der Suche nach dem großen Wein . . .
  • Von Martin Koessler
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  • 03.01.2014
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  • 6 Kommentare
  • Meinung

 

. . . über Silvester in der stürmischen Bretagne. Lange Wanderungen entlang des vom tagelangen Sturm aufgewühlten Atlantiks. Wärmende Sonne, heftiger Wind und extremer Regen in schneller Folge. Gemütliche Abende am Kamin. Gute Freunde. Gute Gespräche. Gute Bücher. Gute Küche. Vor allem aber sensationelle Produkte, vom Wochenmarkt im Dorf, vom kleinen Metzger, dem kleinen Dorfbäcker oder dem phantastischen Wochenmarkt in der Markthalle von Lorient:

 

Rohmilch von Kühen mit Hörnern, die nur drei Tage hält, aber so unglaublich gut schmeckt, daß Kindheitserinnerungen so wach wie wahr werden; Creme fraîche, die mit dem, was bei uns unter gleichem Namen verkauft wird, nichts gemein hat; Butter aus Rohmilch, die nur knapp zwei Wochen Haltbarkeit ausweist, aber von einer geschmacklichen Qualität ist, daß wir uns fragen, was das für fettähnliche Massen sind, die wir uns zu Hause aufs Brot schmieren; Fisch, wie wir ihn uns frischer nicht vorstellen und wünschen können, er ist zum Teil noch nicht einmal leichenstarr; Jakobsmuscheln, die uns, frisch ausgelöst, spontan jubeln lassen; Belon-Austern, wie wir sie schon abgeschrieben hatten nach den Krankheiten und Seuchen, die diese beste aller Austern fast ausgerottet haben – jetzt ist Saison, nie schmecken sie besser als über Silvester; Seezungen von einer Qualität, wie wir sie noch nie auf dem Teller hatten; Lamm von der Halbinsel Quiberon, das uns zu Begeisterungsstürmen hinreißt; lokales Gemüse, das nach viel mehr schmeckt als bei uns: rote Beete, Karotten, Blumenkohl, diverse Rüben, kleine, feste Kartoffeln einer alten, lokalen Sorte, das pure Vergnügen. Dazu großporiges, saftiges Baguette aus dem Steinofen vom kleinen Bäcker im Dorf. Wahnsinnsqualität. Über zwei, drei Tage wird der Teig aus bretonischem Hartweizen immer wieder aufgebrochen, bevor er gebacken wird, um die gewünschte Struktur und Konsistenz zu erreichen. Nach all dem, zum Nachtisch, der berühmte Gateau Breton aus Blé noir, aus Buchweizenmehl, das mit viel Eiern und Butter »demi-sel« einmalige Konsistenz und süchtigmachende Geschmacksintensität erreicht.

Aus und mit solch grandiosen Produkten »große Küche« auf den Tisch zu bringen, ist einfach.

 

Sich dazu auf die Suche nach dem »großen Wein« zu machen, ist eine andere Sache.

Wir hatten gut vorgesorgt und wollten uns über die Tage mit dem Begriff der »Größe im Wein« beschäftigen, doch derart produktbezogene Küche entlarvt so manchen vermeintlich »großen Wein« ziemlich brutal als ziemlich langweilig und eintönig. Bordeaux? Blieb prompt in der Kiste. Statt dessen Muscadet kompromißloser Qualität, weiße Burgunder, jung und gereift, straffe Chenin Blanc und stahliger Sauvignon Blanc sowie knochentrockene Malvasia und Vitovska. In Rot einigten wir uns schnell auf raffiniert kühlen Cabernet Franc von der Loire, auf spannend duftigen Gamay, sensiblen Blaufränkisch aus dem Burgenland, noble Syrah von der Nordrhône und verwöhnenden Pinot Noir aus Burgund.

 

Der Begriff des »großen Weines« verändert sich rasant. Er scheint sich derzeit von Grund auf neu zu definieren, schnell und in sehr viel breiterem und spannenderem Spektrum als bisher. Die Dominanz der vom Cabernet dominierten oder auf Merlot basierenden Rotweine neigt sich dem Ende zu. Ihre einstige Magie beruht auf nie wirklich hinterfragten Konventionen, die sie zu dem machten, was »man« bis heute unter »groß« subsummiert. Bordeaux, Toskana, Piemont, Kalifornien, Australien, Südafrika – sie alle hat man auf das immer gleiche Parfum nach Zeder, Leder, Graphit, Tinte und edlen Hölzern sowie edlem Tabak getrimmt; doch weil heute Tausende von Weinen so riechen, wirkt die bornierte Arroganz ihrer vermeintlichen Größe stilistisch so eng und uniform, daß man nach dem ersten Glas die Lust auf sie verliert.

 

Weingenuß scheint heute so spannend wie nie zuvor. Manche erstaunlich preiswerten, nur zu oft unbekannten, dafür aber bemerkenswert engagiert produzierten Weiß- und Rotweine verstehen es, das Gefühl von Spannung auszulösen, ungewohnt lebendig zu wirken und Seele und Ausstrahlung, Eigenart und vibrierende Komplexität zu wagen und bieten damit das, was wir als »Größe« im Wein empfinden. Das freilich ist andere »Größe« als jene, die Handel, Presse und Winzer in seltener Einmütigkeit (und Einfalt) zu suggerieren versuchen. Sie ist erstaunlich preiswert zu haben und gehorcht nicht banalen Konventionen, sie bricht deren Grenzen auf und setzt Neugierde und Offenheit voraus, durchaus auch Erfahrung, um so unbekannte wie ungewohnte Größe im Wein zu entfalten, die man sich aber erst erobern muß und für die man sich frei machen muß vom Einfluß von Image, Punkten, Preisen und Bewertungen.

 

Werden nicht alle Weine der Welt aus Trauben gekeltert? Wenn diese sorgfältig, möglichst engagiert biologisch, angebaut werden, am Rebstock perfekt ausreifen können (ohne überreif zu werden), schonend von Hand gelesen und mit Kompetenz nicht nach Rezept, sondern nach Intuition und Erfahrung sensibel verarbeitet werden, dann sollte daraus sehr guter Wein entstehen. Wenn der im Keller auf natürliche Weise vergären kann, also ohne Reinzuchthefe, und dann die Zeit bekommt, die er braucht, um sich entwickeln zu können, dann kann daraus großer Wein entstehen. Man kann die Trauben persönlich kraulen oder tätscheln, man kann besonders teure Fässer kaufen und modernste, teure önologische Hilfsmittelchen einsetzen, und wenn man sich dann noch einen der einschlägigen teuren Berater holt, der durch seine Arbeit im Keller möglichst viele Punkte garantiert, dann muß dieser Wein teuer angeboten werden, um die entstandenen Kosten einzuspielen, doch auch er wurde »nur« aus Trauben gekeltert und ist deshalb abseits der Manipulationen für die Erfolg versprechenden Konventionen trotzdem nur »ganz normaler« Wein, dessen Preis allerdings oft in keinem Verhältnis zum Trinkvergnügen steht.

 

Will sagen: Ab einem bestimmten Preisniveau verrät der Preis eines Weines herzlich wenig über dessen Qualität und schon gar nichts über dessen Größe, sehr wohl aber (fast) alles über seinen Käufer. Daß ein Wein unter 10.- Euro kaum »groß« sein kann, leuchtet ein. Aber zwischen 15.- und 50.- Euro ist heute fast alles an »Größe« zu kriegen, was das Herz des kundigen Weinfreaks begehrt und berührt.

 

Ausgerechnet der Wein, von dem wir alle gedacht hätten, er würde uns enttäuschen, hat uns zum Quiberon-Lamm vom Grill eines Besseren belehrt. Er bewies Größe abseits gewöhnlicher Konventionen und präsentierte sich als kulturgeschichtliches Zeitdokument, das eindrucksvoll unter Beweis stellte, mit was für banalen Konventionen wir heute in der Toskana abgespeist werden: Le Pergole Torte 1990 Riserva.

Der einzige Jahrgang dieses Weines, von dem es eine Riserva gab. Wir danken dem Spender dieser Flasche herzlich. Ein Wein-Erlebnis wahrer Größe.

 

 Pergole

 

Während die meisten damaligen »Kultweine« der Toskana dieses großen Jahrgangs hinüber sind, zerfallen in Alkohol, Tannine und Säure, stand dieser toskanische Landadlige in prachtvoller Größe vor uns, serviert aus einer der wenigen Magnums, die es davon gab. Entwaffnend hell in der Farbe, durchaus rubinrot, keinesfalls alt oder gar müde, sondern fordernd selbstbewußt funkelnd, ehrlich, natürlich und herrlich ungeschminkt. Wir staunten nicht schlecht. Im Duft sensibel Weihrauch und Veilchen verströmend, katholisch schwelgerisch, Unterholz, herbstlich kühl, ehrwürdig gereift, aber sich absolut stabil entwickelnd. Keine Spur von Oxidation. Wir kennen diesen Wein gut, haben ihn bis 1993 selbst importiert – diese Flasche war fabelhaft. Expressiv im Duft, wild und ungestüm in den spröde wirkenden, aber gerade deshalb Lust machenden, provokant unweichen und erstaunlich kühl wirkenden Gerbstoffen, ungeschminkt und natürlich im Auftritt und damit weit weit weg von den heutigen Toskana-Klischees. Echte, urwüchsige Sangiovese noblen Charmes mit der Patina und der Ausstrahlung vergangener Zeiten.

Wirkt auf mich wie die wehmütige Anklage an all jene Weine dieser Welt, die sich stromlinienförmig den banalen Konventionen des immer unprofessioneller gebärdenden Weinhandels anpassen. Souveräne Ruhe und Ausstrahlung. Charakter. Identität. Ein großer Wein, der uns einen stürmischen bretonischen Winterabend lang beschäftigte, indem er Diskussionen über das befeuerte, was »Größe im Wein« ist, sein kann und sein sollte.

 

Der spannenden Frage nach der »Größe« von Wein, der sich unsere Branche aus gutem Grund nicht stellt, werden wir uns über das Jahr 2014 hinweg intensiv widmen und auch das Thema »Qualität« im Allgemeinen und Besonderen wird uns mehr als bisher beschäftigen, denn es wurmt uns, daß wir hierzulande nicht die Qualität an Lebensmitteln erhalten, die wir in der Bretagne genießen durften.

Wer enthält uns Lebensmittel »großer Qualität« vor? Wer steuert diesen Handel? Basiert das Gerücht, daß wir Deutsche nur drittklassige Ware verdient haben, weil wir angeblich nicht bereit sind, für Qualität zu bezahlen, auf Fakten oder fehlt es dem hiesigen Handel an entsprechenden Kriterien für und dem Wissen um Qualität? Fehlt es gar an Bewußtsein, Können und Wollen auf beiden Seiten?

 

Ein möglicher Vorsatz für´s neue Jahr: Lassen wir uns nicht abspeisen mit teurer Pseudoqualität, sondern suchen wir nach dem, was unseren Ansprüchen an Qualität wirklich genügt. Wenn wir dabei dem letzten Pseudo-Rabatt hinterherhecheln und um jeden Cent schachern, eröffnet sich uns die Welt der Qualität allerdings nie.

Qualität ist nichts für Pfennigfuchser. Die interessiert nur das unsägliche, typisch deutsche »Preis-Leistungs-Verhältnis«, das sich meist als so dürftig erweist wie die Kriterien dessen, der meint, es beurteilen zu müssen. Qualität kann, aber muß nicht teuer sein. Qualität erweist sich in den meisten Fällen als preiswert. Qualität braucht aber Leute, die sie zu schätzen wissen, weil sie sie beurteilen können. Erfreuen wir uns also daran, daß es noch Produzenten gibt, die wissen, was Qualität ist und uns diese erleben lassen. Nur, wenn sie von ihrer Qualität leben können, wird es diese auch in Zukunft geben. Das wissen sie, die Franzosen, und das leben sie.

 

Ihnen ein richtig gutes 2014 mit Freude an Qualität auf dem Teller und im Glas!

Kommentare
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6 Kommentare
Karl Arnst
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05.Feb.2014
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Lieber Kollege! Der Karl Arnst, der Ihnen diese Zeilen schreibt, erinnern Sie sich noch an den? Ein paar Stichworte mögen helfen. Domaine de Bergeraye, Famille Sarran. Der Opel-Händler aus dem Westerwald, der einst ein sehr zufriedener Kunde in Ihrem Hause war. Vor 10 Jahren schlossen wir das Kapitel "Automobil" ab und vermieteten den Laden. Heute führen wir eine kleine Weinhandlung und sind damit rundherum zufrieden. Von Ihnen haben wir dabei manch Gutes gelernt. Dämmert es ein wenig? So eben las ich mit Aki, meiner lieben Gattin Ihren Beitrag. Sylvester in der Bretagne, das kennen wir. Seit mehr als 30 Jahren ist die Region Finistère unser Urlaubsziel. Da munden uns Weine, die sich mit all den guten Erzeugnissen der Regionen vor Ort zu wahrer Größe entfalten. Unweit von Moélan sur mer haben wir unser kleines Paradies gefunden. Ihre Zeilen ließen uns spüren, dass der Martin Kössler dort Glücksmomente erlebte. Das geschieht ihm Recht! Ein Dankeschön für diesen Beitrag, weiterhin alles Gute und KENAVO - vielleicht in der Bretagne. Mit herzlichen Grüßen von Karl & Aki Arnst
Ihr NameJens Olaf Buhrow
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15.Jan.2014
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Ich mußte noch etwas recherchieren um dann zu erkennen wo sie auf dem Foto waren. Wenn man mal dort war und das Bild sieht weiß man welches Energiemonster an Welle rechts im Bild auf "Le Kerou" zuläuft. Ich wäre gerne dabei gewesen. Es mag vielleicht am Klima gelegen haben, nicht kalt und immer feucht. Bei uns und unseren Freunden die auch keine Etikettentrinker sind liefen auch der Muscadet, die einfachen Weine von Simcic, ein Bourgueil,Pinot von Jim, der alte Rose d´un Jour!!! ein Discours de Tuf von Nicolas und ein Verdelho Madeira 1968 zur Hochform auf. Danke für diese lebendige Beschreibung!
Eckhard NeumannI
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09.Jan.2014
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Vielen Dank für Ihre tolle Beschreibung der Bretagnelebensmittel. Wo gibt es das Quiberonlamm zu kaufen? Im Gegenzug mein Hinweis auf die Bezugsmöglichkeiten für hervorragenden Fisch in Lorient: Moulin Maree im Porte de peche de Keroman. Viele Grüße Eckhard Neumann
Peer G.
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08.Jan.2014
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Während sich in D die Produktqualität von Lebensmitteln der "best-Buy"-Haltung vieler Konsumenten beugt, wird in F noch häufiger die Achtung und Verantwortung dem originären und damit gutem Produkt gegenüber bewahrt. Einfach weil in dieser Nation der Genuss ursprünglichen Geschmacks gelernt und tief verankert ist. Franzosen sind eben auch nur Italiener ;-) Großer Wein: für mich das bestmögliche Ergebnis von Klima, Boden, Traubensorte und menschlichem Können, gepaart mit maximaler Naturbelassenheit des Werdeprozesses in Weinberg und Keller. Grosser Wein erzählt dem aufmerksamen und offenen Genießer auf präzise Weise die spannende Geschichte seiner Herkunft! Seine Entschlüsselung Bedarf weitreichender Erfahrung im Wahrnehmen und Einordnen seiner einzelnen Komponenten und Eigenschaften. Großer Wein ist ein ist stets ein Gaumenzustand, niemals ein Geschmacksbild!
Cornelia Büchner
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08.Jan.2014
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Das klingt ja wunderbar "diese Beschreibung",es erweckt in mir eine Sehnsucht nach Genuss, Zeit, Ruhe, Freude, Zuversicht und vieles "Meer", ....mehr davon! Danke Liebe Grüße aus der Bretagne Conny
Michael Brumme
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08.Jan.2014
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Eine schöne Beschreibung der Bretagne und seiner wunderbaren Lebensmittelqualität, die wir hier bei uns auch gerne hätten, aber Du gehst ja eindringlich auf den Mangel in Deutschland ein. Danke für die angemessene Würdigung des hervorragenden "Le Pergole Torte 1990 Riserva", das hat dieser Wein wahrlich verdient. Grüße Michael