Bio im Bild 1: Der Weinberg macht´s . . .
  • Von Martin Koessler
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  • 18.08.2013
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  • 1 Kommentar
  • Meinung

Bild oben: Frisch gelesene, gerade aus dem Weinberg ankommende Bio-Trauben unmittelbar vor der Kelter. Homogene Reife und kerngesunde Trauben weisen auf außergewöhnliche Traubenqualität und beste Arbeit im Weinberg hin. Solche Traubenqualität ist von konventionell arbeitenden Winzern kaum zu realisieren.

 

Der Weinberg macht´s.

 

Jeder in unserer Branche weiß das, jeder spricht darüber, aber nur ganz wenige tun es und können es. Der Weinberg spielt in unserer Branche, das ist erstaunlich, eigentlich sogar überhaupt keine Rolle, zumindest dem Kunden gegenüber. Man führt seine Kunden stets in den Keller, doch nur selten, wahrscheinlich sogar so gut wie nie, in den Weinberg.

 

Da müßte man ja erklären wie man dort arbeitet. Da würde der Unterschied Bio/Nicht-Bio dem Kenner ins Auge stechen. Da kämen für konventionell arbeitende Winzer unangenehme Fragen. Viel schlimmer noch: Vielen Winzern sagt ihr Weinberg gar nichts. Meine Erfahrungen diesbezüglich sind desillusionierend. Ich kenne viel zu viele Winzer, die keinerlei Verhältnis zu ihren Trauben haben und den Zusammenhang zwischen Trauben- und Weinqualität weder sehen, noch kennen, noch schmecken. Die allermeisten Winzer kennen ihre Reben, und damit ihre Trauben, praktisch nur vom Traktor aus. Das ist so wahr wie bedauerlich!

 

Deshalb machen wir, wir lassen dazu gerade unsere Homepage umbauen, den Weinberg zum Hauptthema unserer Arbeit. Mit aller Konsequenz: Alle Winzer, die uns nicht in ihre Weinberge lassen, damit wir beurteilen können, wie sie dort arbeiten, fliegen aus dem Sortiment. Die ersten Opfer gibt es schon . . .

 

Deshalb sind wir z. B. in Burgund nur so spärlich bestückt, weil uns dort immer und immer wieder der Gang in die Weinberge verweigert wurde, auch von sehr renommierten Betrieben, mit denen wir gerne zusammengearbeitet hätten. Für uns ist der Weinberg die vertrauensbildende Maßnahme im Kontakt mit unseren Winzern. Wer dort gut ist und genau weiß, was er tut, der darf ins Programm. Dagegen ist der Keller langweilig. Da kennen wir nach 30 Jahren Weinhandel alles und mit unserer naturwissenschaftlichen Ausbildung können wir allemal mitreden; im Keller reicht uns ein kurzer Gang, um zu sehen, was wir sehen wollen. Im Weinberg aber zeigt sich, ob ein Winzer Ahnung hat, ob er Ambitionen hat, ob er engagiert ist und welche Philosophie er wirklich verfolgt, ganz schlicht und einfach: ob er etwas kann. Das ist für uns alles entscheidend. Nur wer seine Trauben genau kennt, kann daraus einen Wein bereiten, der mehr als nur korrekt ist. Deshalb dokumentieren wir seit ein paar Jahren zur Ernte die Arbeit unserer Winzer in Bildern. Nur sie sind aussagekräftig. Geredet wird viel zu viel, getan nur zu oft etwas ganz anderes. Dem beugen wir vor mit Fakten.

 

Wir machen die Arbeit im Weinberg zum Thema.

Ein Beispiel, weitere folgen: Wer einmal Trauben probiert hat, die mit Botrytiziden, also Anti-Pilzmitteln, behandelt wurden, wie sie heute traurige Realität auch bei hochgefeierten Spitzenwinzern sind, der wird unser Engagement diesbezüglich verstehen. Im direkten Vergleich mit kerngesunden Trauben aus biologischem Anbau stellt sich der Unterschied wie folgt dar:

 

 

Mit Botrytizid behandelte Trauben eines der renommiertesten, konventionell arbeitenden Winzer Deutschlands

Mit Botrytizid behandelte Trauben eines der renommiertesten, konventionell arbeitenden Winzer Deutschlands

 

Mit Botrytizid gespritzte Trauben (siehe Bild oben):

In der Reife blockierte noch grüne Trauben, typisches Indiz für Antipilzspritzungen, befinden sich im gleichen Traubencluster wie fast schwarze überreife bzw. schon vom Pilz befallene Beeren. Die Beerenschalen sind dünn und schmecken, fein zerkaut, seifig in der Struktur und metallisch bitter und unreif grün nach Dosenspargel, die Kerne der Beeren sind nicht ausgereift und bitter und von fast matschig weichem Biß.

 

 

 

Kühling-Gillot

Aus dem gleichen Weinberg direkt nebenan, wenige Sekunden später photographiert, die Trauben eines renommierten Biobetriebes

 

Ohne Botrytizid bewirtschaftete Biotrauben aus dem gleichen Weinberg:

Goldgelbe, perfekt reife Beeren eines ganz anderen Erscheinungsbildes. Homogen ausgereift bis in die Stiele (die fehlende Beere vorne habe ich probiert . . .). Die Beerenschalen so fest, daß es richtig knackt, wenn man sie aufbeißt; geschmacklich perfekt reintönig, reif und zuckersüß, hocharomatisch und ohne jeden Neben- oder Fehlton. Die Kerne der Beeren sind nicht minder fest und perfekt ausgereift, sie schmecken nach gerösteten Mandeln und Haselnüssen, sind kaum bitter; ein Unterschied wie Tag und Nacht.

 

Beide Bilder wurden binnen einer Minute aufgenommen und zeigen die zwei Philosophien, die die Weinwelt heute trennen. Das kann so nicht sein, sagen wir uns, im Weinberg herrscht unfairer Wettbewerb.

 

Deshalb werden wir diesen Herbst bei vielen deutschen Spitzenwinzern ohne deren Wissen in deren Weinbergen auftauchen und die Traubenqualität dokumentieren, um sie hier, ohne Namen zu nennen, exemplarisch zu veröffentlichen und zu erläutern. Dieser mehr als nur optische Unterschied muß dokumentiert werden, sonst glaubt ihn keiner. Wir sehen es als unsere Aufgabe an, die Arbeit im Weinberg das ganze Weinjahr hindurch zu dokumentieren und den Unterschied der Bewirtschaftung deutlich zu machen, den Sie als Kunde kaum jemals so erleben werden.

 

Wer konventionell gespritzte Trauben verarbeitet, muß auch als sogenannter Spitzenwinzer hinterher im Keller schönen, eingreifen und korrigieren, um daraus einen guten Wein zu machen. Die Webseite www.erbsloeh.com weist Ihnen den Weg in die Welt des konventionellen Weines. Lesen und staunen Sie, was die Weinchemie ganz offiziell und öffentlich kundtut und bietet, um aus kontaminierten Trauben einen Wein zu machen, der so schmeckt, wie Sie es von ihm erwarten.

Das wollen wir nicht und unsere Kunden vermutlich auch nicht. Deshalb sollten Sie diesen wesentlichen Unterschied, der Ihnen von unserer Branche bewußt oder aus Mangel an Kompetenz vorenthalten wird, kennen – meinen zumindest wir.

 

Das Weingut Wagner-Stempel, biologisch zertifiziert seit vielen Jahren und einer der großen Vorreiter des biologischen Qualitätweinbaus in Rheinhessen, geht mit bestem Beispiel voran. Regelmäßig verschickt Daniel Wagner Informationen zum Stand seiner Arbeit im Jahresverlauf, die vorbildlichen Einblick in den sich ankündigenden Jahrgang, aber auch in seine Qualitätsphilosophie geben. Seine aktuelle „Siefersheimer Sommerpost“ finden Sie hier und unter dem Beitrag. Daniel Wagner dazu:

 

„Wir sind derzeit voll in den Weinbergen unterwegs und die Arbeit geht gut voran. Das Wetter versucht tatsächlich mit aller Kraft, das durchwachsene Frühjahr wett zu machen; wenn die nächsten Wochen so gut bleiben, kann es einen sehr guten Jahrgang 2013 geben. Nichtsdestotrotz sind wir dieses Jahr gezwungen, an einigen Schrauben mehr als üblich zu drehen, was wir versucht haben, im PDF-Anhang zu dokumentieren

 

Wer sich noch an das Jahr 2010 erinnert, der weiß, daß es genau jetzt im Weinberg möglich ist, alle Weichen so zu stellen, daß auch ein kühles, spätes Jahr wie 2013 zu großartigen Ergebnissen führen kann. Damit man später im Keller nicht mit „dem Zauberstab“ oder der „Brechstange“ arbeiten muß.

 

In diesem Sinne schicke ich dieses PDF mit ein paar Aufnahmen, die den ideellen Ansatz des handwerklichen Weinbaus, über das ganze Gerede über die großen Lagen, beste Qualitäten etc. hinweg, in Bildern kurz und prägnant veranschaulichen. Sie demonstrieren, worum es im Weinberg geht, und zwar genau jetzt! Damit wird auch jenen Kunden, die sich über „zu hohe“ Preise beschweren, gezeigt, was Qualitätsweinbau wirklich bedeutet. Wenn es dem Winzer ernst ist, geht es in einem Jahr wie 2013 z. B. nicht ohne Ertragskürzungen und so sieht der kritische Kunde hier, wie man Qualitätsphilosophie und ökologischen Weinbau in Einklang bringen kann und was damit an Mehrarbeit und Ertragseinbußen verbunden ist! Genau das wird von uns, aber auch von vielen Kollegen, im Weinberg derzeit kompromißlos praktiziert. Wir posaunen das aber nicht in die Welt hinaus, sondern machen unsere Arbeit, die wir Ihnen hier zeigen können. Bei uns entsteht Qualität also nachvollziehbar und beweisbar im Weinberg und nicht in den unsichtbaren Tiefen des Kellers. Hoffen wir jetzt, daß die Natur unsere Arbeit honoriert und mitmacht bis zum letzten Augenblick!“

 

Daniel Wagners Info-PDF:  Siefersheimer Sommerpost

 

© Martin Kössler; Dank an Oliver Müller und Daniel Wagner 

 

Kommentare
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1 Kommentare
Ihr Name Peter Riffel
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01.Sep.2013
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Man muß schon eine mit sehr dunklem grün angelaufene Brille aufhaben um die Dinge im Weinberg so zu sehen wie in dem Artikel beschrieben. Es ist die alte Leier den biologischen gegen den konvetionellen Weinbau zu stellen und alles nur schwarz/weiß zu sehen. In der Wirklichkeit gibt es dazwischen jede Menge Grautöne. Bio ist nicht automatisch gut besonders vor dem Hintergrund der im Bioweinbau nach wie vor ungelösten Kupferproblematik (elementares Kupfer ist Bodengift). Der ambitionierte Winzer (biologisch oder konventionell wirtschaftend) weiß sehr wohl was er im Weinberg tut. Zum Abschluß noch eine Anmerkung: In beiden Bewirtschaftungsmethoden werden die gleichen Maschienen und Geräte eingesetzt. Ich habe in Rheinhessen noch kein Biowinzer gesehen der, was logisch und kosequent wäre, bodenschoned mit dem Weinbergspferd arbeitet.