Mainz
  • 29/04/2013
  • |
  • Reportage

Wegweisend: Die Mainzer Weinbörse

 

Die Mainzer Weinbörse, nur für Profis zugänglich, war spannend wie immer. Der im Jahr 1910 gegründete VDP, der Verband deutscher Prädikatsweingüter, der die Mainzer Weinbörse ausrichtet, gilt im In- und Ausland als renommierte Vereinigung deutscher Spitzenweingüter. Heute gehören 201 Mitgliedsbetriebe in zehn Regionalverbänden dem VDP an. Die in Mainz omnipräsente neue Klassifikation des VDP, die mit dieser Veranstaltung offiziell inauguriert wurde, wurde unter Bloggern, Winzern und Handel heftig diskutiert. Die Klassifikation wird sich, wir sind eindeutige Befürworter, in drei Stufen sicher auf dem Markt durchsetzen; ob sich allerdings die „erste Lage“ zwischen den VDP.Ortsweinen und dem Großen Gewächs als vierte Stufe durchsetzen wird, bleibt fraglich. Uns scheint sie kaum vermittelbar. Die Zukunft wird´s weisen.

 

Hier finden Sie Informationen zur neuen VDP-Klassifikation

 

Unser Eindruck von der Mainzer Weinbörse? Fast schon dramatisch deckt der Jahrgang 2012 den Unterschied auf zwischen jenen Winzern, die sich kompromißlos dem Herkunftsprinzip verschrieben haben und jenen (zu vielen), die unbeirrt auf die Sicherheit der Kellertechnik bauen. Selten zeigte sich mir dieser Unterschied so offenkundig und (persönlich) frustrierend, widersetzen sich doch viele Weine der „Sicherheits-Winzer“ erschreckend selbstbewusst jeglicher Einstufung in die Klassifizierung; Herkunft, Lage und Qualitätsabstufung sucht man in ihnen meist vergebens. Zwar präsentieren sich ihre Weine auf hohem technischem Niveau, sie tun das aber so banal und uniform, daß man sich fragt, ob sich der VDP diesen Zwiespalt der Stile und Philosophien, der mit jedem neuen Jahrgang und jeder überzeugenden Neuaufnahme wie Kranz oder Beurer offenkundiger wird, auf Dauer unkommuniziert leisten kann.

 

Ich hatte nicht die Zeit, alle anstehenden Weingüter zu probieren, aber ich habe die Weine der wesentlichen „Sicherheits-Winzer“ probiert und wurde in meinem Urteil über deren stilistische und qualitative „Konstanz“ wie gewohnt bestätigt.

 

Tatsache ist, daß sich innerhalb des VDP zwei divergierende Lager gegenüberstehen, die philosophisch und konzeptionell kaum vereinbar scheinen. Natürlich können sie nebeneinander unter dem Dach des VDP existieren, ihre Unterscheidungsmerkmale sollten aber in Stil und Charakter kommuniziert und in den Bewertungen entsprechend respektiert und berücksichtigt werden. Sie in einen Topf zu schmeißen und über einen Kamm zu scheren scheint mir weder seriös noch angebracht, auf jeden Fall aber problematisch, weil sich die Kriterien für ihre Bewertung grundlegend voneinander unterscheiden. Die divergierende Vorstellung dessen, was deutscher Riesling sein kann und ist, macht der Jahrgang 2012 so deutlich wie nie zuvor.

 

Auf Seiten des Handels, der Presse und der Winzer scheinen viele die Existenz dieser beiden Lager im deutschen Wein noch gar nicht begriffen zu haben, vielleicht nicht begreifen zu wollen. Dabei bricht dieser Unterschied zusehends auf als neues, „anderes“ Stil- und Ausdrucksmittel, unterscheiden sich die Rieslinge neuer deutscher Generation doch durch ausgeprägten Herkunfts- und Lagencharakter und einen immer weniger in Erscheinung tretenden Einfluß der Weinbereitung radikal vom maßgeblich durch den Ausbau geprägten Charakter jener „typisch deutschen Rieslinge“, die mit „fruchtigem“ Gletscherbonbonbukett und reduktiv geprägtem Mundgefühl bislang die Vorstellung von deutschem Riesling prägten und dominierten.

 

Es ist spannend zu sehen, wie sich die neue deutsche Riesling-Stilistik, die weder „neu“ ist, noch avantgardistisch, sondern traditionell im besten Sinne des Wortes, stilistisch wie qualitativ konsolidiert, wie fundiert und überzeugt ihre Winzer ans Werk gehen und wie souverän sich ihre Weine im Charakter ihrer Herkunft und Machart profilieren. Unser ureigenes Qualitätskonzept in Sachen deutscher Wein, vor rund 20 Jahren zunächst auf der Basis der Suche nach Spontangärern entstanden, hat sich auf dem Markt durchgesetzt, auch wenn es von vielen Marktteilnehmern noch immer nicht verstanden wird. Doch ein Zurück gibt es nicht mehr und die Souveränität besagter Winzer in Stil und Interpretation hat überzeugende Maßstäbe gesetzt, die nicht mehr wegzudiskutieren sind; sie werden den deutschen Wein in seiner Gesamtheit verändern und nachhaltiger profilieren, als wir das heute ahnen. Wer diese Entwicklung verpennt, ist selber schuld. Mainz war dazu angetan, diese Entwicklung einmal mehr zu verdeutlichen.

 

Die Mainzer Weinbörse ist eine organisatorisch brillant inszenierte Bestandsaufnahme deutschen Weines. Schön, daß Sommeliers und Händlerkollegen aus Frankreich, den USA, Italien und Spanien inzwischen den Weg nach Mainz finden. Deutscher Wein profiliert sich international und Mainz weist den Weg.

 

© Martin Kössler für K&U

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Helmut O. Knall
02.May.2013
Großartig. Genau so ist es. Die Frage ist allerdings, wie viele Menschen schmecken den Unterschied überhaupt? Gruss. Knalli
Bernd Heller
30.Apr.2013
Gut nachvollziehbare Sichtweise - hätten Sie vielleicht noch ein paar Beispiele von Gütern, die der Herkunfts-/Lagenfraktion zuzurechnen sein sollten (für die Gegenseite fallen wohl jedem Riesling-Liebhaber auf Anhieb genügend Namen ein)?
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