Der Stille im Lande: Daniel Wagner
  • Von Martin Kössler
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  • 19.02.2013
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  • 5 Kommentare
  • Meinung

 

Er ist einer der Großen im deutschen Wein und doch ein stiller und angenehm bescheiden auftretender Mensch: Daniel Wagner vom Weingut Wagner-Stempel in Siefersheim, am äußersten Rande Rheinhessens, in unmittelbarer Sicht- und Schmeckweite der Nahe.

 

Seine Weine sind souveräne Persönlichkeiten. Sie kommen so bescheiden und leise daher wie ihr Macher in sich ruht. Im lauten Rauschen des erschreckend unpersönlich werdenden Weinmarktes, in dem vordergründig riesige Sortimente Kompetenz vermitteln sollen und nur noch Sensationen, schöne Bilder, ausgelutschte Superlative und schäbige Schnäppchen-Nachlässe den Kunden am Touchscreen zur Kaufentscheidung bewegen sollen, wirken er und seine Weine wie unaufgeregte Solitäre, die über der hochbeschleunigten Geschäftigkeit des modernen Weinmarktes stehen. Daniel Wagners Weine verbreiten Ruhe und freudige Gelassenheit, schmecken souverän in sich ruhend und wirken wohltuend emotional.

 

Es sind brillante Weine, die uns Daniel Wagner zum Teil noch als hefetrübe Faßproben präsentiert. Er weiß, daß sie gut sind und er kennt uns. Er muß sie uns nicht wortreich erklären, sondern erwartet entspannt unsere Fragen. Seine Erläuterungen zum Jahrgang sind informativ und frei vom üblichen Verkäufergelabere.

Wir können uns der Ausstrahlung seines Jahrgangs 2012 kaum entziehen. Unverkennbar geprägt vom Porphyr, dem charakteristisch porösen Gestein rund um Siefersheim, der engagierten Bioarbeit im Weinberg, der extrem späten Lese und der entspannten Arbeit im Keller. Brillant ist er ihm gelungen, der Jahrgang 2012. Typisch für seriösen Bioweinbau fällt er stilistisch ganz anders aus als 2011: Zupackender in der spürbaren feinen Säure, ungemein präzise auf der Zunge, etwas schlanker, feiner und eleganter wirkend als 2011, ungemein lang, trocken und rassig, griffig in der Mineralität und sehr animierend im Zug auf der Zunge und im Druck am Gaumen. Dagegen wirken seine 2011er wie seidige Schmeichler mit ihrer Opulenz. Spannend, wie sich bei identischer Stilistik der Charakter der Herkunft im Spiegel des Jahrgangs so expressiv darzustellen vermag. Biowein, wie er sein sollte, nackig, ehrlich, brillant realisiert und überzeugend im Niveau. Winzer wie Daniel Wagner sind deshalb nicht umsonst eher selten in den einschlägigen Jubelsortimenten der Branche zu finden und auch in den nicht minder einschlägigen Weinführern finden sie, die sie Tag für Tag im Weinberg sind, statt auf dem lauten Markt der Eitelkeiten, der Punkte und des Image- und Verkaufsdrucks mitzuspielen, nicht immer das Gehör, das sie verdient hätten.

 

 

Heerkretz_Porphyr

Das ist er, der Siefersheimer Porphyr 

 

Wir streifen mit Daniel Wagner durch die Weinberge. Er kennt dort jeden Meter, scheint mit jedem Rebstock auf Du und Du. Jung war er, als er 1992 den ersten Wein kelterte und ganz klein fing er an. Heute gehört er nicht nur zur Avantgarde der seriösen Bioweinszene Deutschlands, er gehört zu den besten Winzern des Landes. Zu derart souveräner Qualität gehört eine Menge Erfahrung, Jahre des Leidens, des Zweifels, des Suchen und Findens. Ich kann sie deshalb nicht mehr hören, die vom Weinhandel so oft bemühte Legende vom genialen »Jungwinzer«. Natürlich mögen engagierte Jungwinzer neue Impulse zu setzen wissen, sie mögen anregen und anecken, manches anders machen als andere, sie mögen sich selbst austesten, doch souveräne Spitzenqualität kommt nur selten aus ihrem Keller. Dazu fehlt ihnen ganz einfach die nötige Erfahrung. Auch stimmt es, daß zu Wein mit Persönlichkeit und Stil durchaus eine gewisse Naivität gehört, um sich nicht von Beginn an in den vermeintlichen Gesetzen des Marktes zu verheddern. Doch guter Wein ist vor allem Resultat profunder Erfahrung, ist Handwerk im besten Sinne, ist die große Kunst des Lassens statt des Machens, und beruht auf Können, der Fähigkeit zur Selbstkritik und natürlich auch auf so manch mißglücktem Faß im Keller. Nur wer all das kann und selbst erlebt hat, wird Weine eigenständiger Persönlichkeit zu realisieren verstehen, die mehr sind als nur „lecker“.

 

 

Heerkretz2013

Im Heerkretz. Das große Gewächs. Kühles Klima, karger Boden,

eindrucksvolle Lage mit Aura und ausgeprägtem Charakter im Wein

 

Daniel Wagner zeigt uns Weinberg für Weinberg, Lage für Lage, erklärt die Unterschiede in den Böden, der Lage, dem Klima und deren Einfluß auf den Geschmack. Er weiß, wovon er spricht, liefert bestechend präzise Analysen und Informationen, hat auf jede Frage eine Antwort und folgt ganz offensichtlich keiner der üblichen Winzer-Ideologien; er ist auch keiner jener Stereotypenschwätzer, von denen es in der Winzerszene nur so wimmelt, sondern schafft es, uns über den Bogen der Historie der Region bis in die heutige Zeit seine im Kontext Rheinhessens reizvoll wilde und vielfältige Landschaft ohne Wein im Glas auf die Zunge zu zaubern.

 

Den Keller müssen wir nicht besichtigen, wir kennen ihn. Dort herrscht angenehme Routine ohne Show und Hochglanz. Wer derart aufwendig und kompetent gesunde Trauben produziert wie Daniel Wagner, der kann sich einen Keller ohne Schnickschnack leisten. So „braucht“ Daniel Wagner z. B. die neuerdings so fashionablen Stockinger-Fässer nicht, er vertraut, praktizierte Nachhaltigkeit und Regionalität, einem kleinen, unbekannten, aber ambitionierten Küfer im Nachbardorf, der ihm das liefert, was er sucht: Erstklassige Fässer aus heimischer Eiche, die den Wein so respektieren, wie er sich das vorstellt.

Wer derart gesunde Trauben mittels minimaler Intervention in maximal natürliche Weine verwandelt, der verdient es, daß man seine tagtägliche Arbeit draußen im Wingert entsprechend würdigt. Es ist eine Schande, daß die gesamte internationale Weinbranche diesen Ursprung aller Qualität im Wein, den Weinberg und seine Bewirtschaftung, vermutlich aus Mangel an entsprechender Kompetenz vollkommen und nachhaltig ignoriert und negiert. Davon spricht in merkwürdiger Übereinstimmung tatsächlich niemand in unserer Branche. Niemand macht den Weinberg zum Thema. Nicht mal die Bios, die es bis heute nicht verstanden haben, das, was sie tun bzw. nicht tun, so zu vermitteln, daß es auch der Laie versteht. Wer weiß denn, was Bio im Wein wirklich bedeutet?

Das gilt es zu ändern. Wir werden uns hier in unserem Blog intensiv mit dem Weinberg und seiner Bewirtschaftung beschäftigen.

 


Heerkretz_Bodenbearbeitung

Typisch Bio: aufwendige Bodenbearbeitung für lebendigen Wein

 

Wieviele Spritzmittel- und Agrarchemie-Skandale brauchen wir noch, bis Weinbranche und Winzer aufwachen und erkennen, daß konventioneller Weinbau nicht funktionieren kann?

Es ist schon ein sehr trauriges Faktum, daß die meisten hochgejubelten „Spitzenwinzer“ nicht auf bequeme, schnell und sicher wirkende Herbizide, Fungizide und Insektizide verzichten können und wollen. Der Aufwand ist ihnen zu hoch, am Wissen und Können fehlt es meist und ihre Rendite wäre geringer. Konsequent agierende Winzer wie Daniel Wagner machen dagegen vor, was die Avantgarde von heute kann und ist. Sie kann mehr und sie tut das kompromißlos. Wir sind uns deshalb ziemlich sicher, dafür kämpfen wir, daß Winzer wie er schon morgen oder übermorgen überzeugend dafür sorgen werden, daß das, was wir für Spitzenwein halten, eine gänzliche neue Definition erfährt.

Dann wird der „Biowein“ zerfallen in quasi-industriellen auf der einen und authentischen Wein auf der anderen Seite, und es werden letztere Weine sein, die beweisen, daß nur seriös biologisch erzeugter und ausgebauter Wein „guter“ Wein in unserem Sinne sein kann, weil er anders und vor allem nach mehr schmeckt, als es ein noch so aufwendig produzierter Wein aus konventioneller Agrarchemiebewirtschaftung jemals können wird.

 

Heerkretz_Lesegut_2013

Es gibt wohl kaum ein besseres Argument für Qualität, als dieses: Die Ende Oktober 2012 nach dem Frost als letztes gelesenen Trauben des großen Gewächses „Heerkretz“ in perfekter Gesundheit und Reife. Ich bin in diesen Tagen bei vielen Winzern gewesen und habe katastrophale Trauben photographiert, mit denen ich so manchen als „Spitzenwinzer“ bejubelten konventionellen Botrytizid-Kollegen grausam desavouieren könnte.

Bei Daniel Wagner erkennt auch der Laie die irre Qualität des Lesegutes. Das brachten 2012 nicht viele Winzer so perfekt ein, wie man es hier nachvollziehen kann.

 

 

Glaubhafte Nachhaltigkeit und Persönlichkeit mit dem eindeutigen Charakter der Herkunft werden in Zukunft zum Lebensgefühl im guten, authentischen Wein gehören. Ein anderes als das bisher gepflegte, zunehmend anonym werdende, technisch einwandfreie Weinerlebnis wird dann gefragt sein. Darum geht es uns bei K&U, dafür kämpfen wir, meine Mitarbeiter, unsere Winzer. Stellvertretend für diese Entwicklung stellen wir Ihnen hier Daniel Wagner als besondere Empfehlung vor.

 

Seine Weine brauchen Worte. Ihr mutig vielschichtiger Charakter widersetzt sich Superlativen und Punkten. Sie wirken wohltuend warm, weil ihre Porphyrböden für entsprechendes Mundgefühl sorgen, wie sie voller innerer Spannung frisch und animierend schmecken. Man genießt sie mit Vergnügen, vom einfachen Guts-Riesling, den wir hinreißend gelungen finden, bis zum großen Gewächs, das in »Höllberg« und »Heerkretz« zwei der großen selbstbewußt stilbildenden Rieslinge der deutschen Weinszene repräsentiert. Keiner seiner Weine hat es nötig, sich an bekannte Geschmacksbilder anzulehnen. Sie alle wagen eigenständige Persönlichkeit mit dem unverwechselbaren Charakter ihrer Herkunft, präzise umgesetzt, natürlich im Ausdruck und souverän in Stil und Qualität. Jeder für sich spiegelt mutig den Charakter seiner Lage wider. Daniel Wagners Weine erkennt man, wenn man sie einmal bewußt genossen und erlebt hat. Sie wagen faszinierend eigene Handschrift, die sich stringent vom Guts-Riesling bis zum großen Gewächs in Stil und Präzision steigert. Jeder wagt seine eigene Persönlichkeit, der man prompt mit allen Sinnen vergnüglich hinterher schmeckt.

Daniel Wagners Weine schaffen das Kunststück, zugleich zu fordern wie zu entspannen, sie tun regelrecht gut, sind animativ, mundwässernd trinkfreudig und so ernsthaft hochwertig wie fröhlich erquickend. Die Winzerkunst des Daniel Wagner.

 

© Text & Bilder K&U

 

Gut gemacht: Daniel Wagners informativer Brief zur Lese 2012. Klirrend kaltes Finale 

Kommentare
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5 Kommentare
Bruno
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13.Mar.2013
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Septembre 1990 ,als praktikant auf Weingut Wagner Stempel aus Frankreich gelandet weil Daniel auf die fransoziche Wein "branche" ....singen wollte als Paradiseweinvogel...... Wie Die Zeit so gemutlich vergehen kann.....und bio noch dazu...tu peux être fier de Toi et de tes Vins,Daniel ,zum wohl !
XY
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28.Feb.2013
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Werter Autor/werte Autorin, Bio, Bio, Bio, Nachhaltigkeit, Qualität usw. - gibt es sonst noch was zu sagen? Dieser Artikel schafft es leider nicht einen übergreifenden Bogen zu spannen. Schon mal darüber nachgedacht, wie viele Verbraucher überhaupt bereit sind das zu bezahlen? Wie viele Weinbaubetriebe es sich überhaupt LEISTEN können Bio und Nachhaltig zu erzeugen in Anbetracht der geringen Ausgabebereitschaft? Und dann immer nur die etablierten Bios darstellen, die sich auf ach so tolle nachhaltige Weise den minimalen Marktanteil für hochpreisige Weine teilen? Statt 20 Seiten über Qualität zu schreiben (um das geht es IMMER in der Weinszene), sollte vielleicht öfter versucht werden mal eine Brücke zu wesentlichen Themen zu bauen. Wie kann es erreicht werden, dass die Ausgabebereitschaft im Mainstream der Bevölkerung steigt? Sicher nicht damit, dass die ach so tolle Qualität des Jahrgangs 2012 totgetreten wird... Wen interessiert es eigentlich, ob der Gutswein nach Porphyr oder Mango, Papaya und Zitrus schmeckt?! In der Hoffnung auf Besserung: XY (auch wenn man davon ausgehen kann, dass dieser Kommentar ohnehin NICHT gepostet wird)
Martin Kössler
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28.Feb.2013
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Der Artikel wird natürlich doch veröffentlicht, wenngleich ich es sehr schwach finde, daß der Beitrag anonym verfaßt wurde. Wer eine Meinung hat, sollte sie auch vertreten, öffentlich, mit Namen. So bleibt das Ganze einer der üblichen, eher dümmlichen, weil kaum konkret werdenden Artikel, von denen es im Internet leider nur so wimmelt. Schade. Zu dem Thema gäbe es viel mehr zu sagen. Ich bin nicht der Meinung, daß der Kunde doof ist und nicht mehr Geld ausgeben will. Er gibt es ja aus, wenn er weiß, wofür. Die Kritik wäre sehr viel sinnvoller eine Kritik u.a. auch am gesamten Handel, der sich mit nichts anderem als Pseudo-Rabattaktionen und Preisargumenten über Wasser hält, kaum Renditen erzielt und trotzdem immer so weiter macht. Auch xy weiß nicht mehr anzuführen als den Preis, von Qualität spricht auch er nicht, als würde Qualität niemanden mehr interessieren. Der Handel braucht bessere Argumente als immer nur den Preis,sonst ändert sich der Kunde nicht, er frißt nur, was man ihm vorsetzt. Ein ziemlich komplexes Thema, das mehr als nur den schnellen Schuß aus der Hüfte verlangt. Aber so weit hat der Autor dieses Artikels leider nicht gedacht. Was sind denn »wesentliche Themen« in dem Zusammenhang? Wir erläutern Qualitätskriterien, damit unsere Kunden verstehen, wie der Preis eines Weines entsteht. Etablierte Bios? Wer sind denn die nichtetablierten Bios? Können die ernsthaft mitmischen? Die heute etablierten Bios haben hart kämpfen müssen, um dorthin zu kommen, wo sie jetzt sind. Jetzt ist der Bioweg gemacht, jeder der nachkommt, hat es deutlich einfacher! Hochpreisig? Ich weiß nicht, gegen den Gutsriesling von Daniel Wagner kann in der Preisklasse wohl kein konventionell wirtschaftender Winzer und kaum einer der etablierten oder auch nichtetablierten Bios wirklich anstinken. Wenn das teuer ist, dann weiß ich nicht. Ein jeder trinkt, was er versteht. Es könnte sich jeder Winzer und Bauer leisten auf Bio umzustellen; es ist Mangel an Kompetenz, Angst vor dem Ungewissen, wenn er es nicht tut. Andere tun es, sie deswegen abzutun, weil sie erfolgreich sind, ist mir zu billig. Ganz abgesehen davon, daß guter Wein nie für alle da sein wird. Er wird für jene produziert, die ihn wollen, ihn verstehen und ihn entsprechend genießen können. Eine Frage der Prioritäten im Leben. Die Ausgaben für das Auto sind in Deutschland Lichtjahre höher als für den persönlichen Genuß. Insofern zieht bei mir überhaupt kein Argument mehr zum Thema Wein & Preis. Für die Karre ist immer genug Geld da (siehe hier).
Dominik Herzog
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24.Feb.2013
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Was sind Stockinger-Fässer ?
Martin Kössler
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24.Feb.2013
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Hallo Herr Herzog, Stockinger-Fässer sind Fässer, die Franz Stockinger in Österreich fertigt. Er gilt derzeit unter vielen Winzern als einer der besten Faßmacher in Europa und genießt so eine Art Kultstatus. Manche Winzer stellen ihm das eigene Holz zur Verfügung, aus dem Franz Stockinger dann entsprechende Fässer fertigt. Inzwischen gibt es Winzer, die mit ihren Stockinger-Fässern im Keller werben, als wären sie Garanten für Qualität im Wein, was natürlich absoluter Quatsch ist. Aber so ist das in unserer Branche . . .