Würtz_Titel_2013
  • 13/01/2013
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  • Reportage

Volles Risiko: Christian Ress & Dirk Würtz

Mitten im Probengetümmel auf der Prowein 2012 kam Dirk Würtz auf mich zu, drückte mir ein Glas in die Hand und meinte: „Probier mal“.  Furztrocken, messerscharf und präzise im Profil, kräuterwürzig, rassig und mutig eigenständig, und doch eindeutig Rheingau, nur eben anders als alle anderen, die ich gerade probiert hatte. Verdammt gut, dachte ich mir. Es war einer der 2011er Rieslinge neuer Generation seiner neuen Wirkungsstätte im Weingut Ress.

 

Über diesem Wein blieben wir im Gespräch und letzte Woche lud mich Dirk ein, den Jahrgang 2012 des Weingutes Balthasar Ress in voller Breite zu probieren. Neben einigen Weinen des Jahrgangs 2011 ging es also um Jungweine, von denen manche noch in der Gärung steckten, andere mitten in der Malolaktik, alle waren sie hefetrüb, trotzdem aber schon überraschend gut zur probieren, allerdings noch nicht zu bewerten.

 

Er hatte sie perfekt vorbereitet, unsere Probe, und präsentierte die Faßproben jeweils in verschiedenen Ausbauformen, aus dem Edelstahltank, dem traditionellen Holzfaß und dem gebrauchten Barrique. Eine aufwendige Probe, die den radikalen Wandel im Hause Ress eindrucksvoll demonstrierte. Während der Probe kam Seniorchef Stefan Ress dazu, probierte den neuen Jahrgang selbst zum ersten Mal und war sichtlich beeindruckt von dem, was da im Glas stand. Schön zu sehen, mit welchem Stolz er dem Wandel im eigenen Haus folgt!

 

Ress_Faßproben_2012

 Einige der Faßproben des Jahrgangs 2012

 

Ich will hier nicht einzelne Weine besprechen und mich auch nicht über den Jahrgang 2012 auslassen. Das werden wieder jene Kollegen tun, die sich der üblichen Superlativ-Kiste zu bedienen wissen, um nach ihrem kaum noch zu steigernden Jubel über 2011 wieder eins draufzusetzen . . .

 

Christian Ress geht mit Dirk Würtz als Betriebsleiter volles Risiko ein. Die beiden wagen einen grundlegenden und radikalen Wandel in Stil, Qualität und Ausrichtung, der den gesamten Rheingau nachhaltig verändern wird. Beeindruckend die stilistische Stringenz über alle Weine hinweg. Noch beeindruckender aber die „nackige“ kompromißlose Eigenart, mit der sich die einzelnen Lagen in ihren spezifischen Herkunftscharakteristika präsentierten. Sie wirken wie herausgeschält aus dem Einfluß von Machart und Kellerstilistik. Jeder Wein, jede Lage, steht für sich, entwickelt mutige Eigenart, wird identifizierbar, zeigt Profil und Mut zur Herkunft. Begeisternd z. B. der Unterschied zwischen den fast benachbarten Rüdesheimer Lagen „Schloßberg“ und „Rottland“, der zwei grundlegend verschiedene Charaktere in unerwarteter Deutlichkeit offenbart. Erstaunlich auch, wie unterschiedlich die drei „Nussbrunnen“ aus dem Edelstahltank, dem Doppelstückfaß und dem gebrauchten Barrique ausfallen. Die Wirkung der Physik und der so wichtige Einfluß des Hefemanagements treten deutlicher zutage als erwartet und offenbaren Spielraum für weitere Individualisierung.

Immerhin – die präpubertären Jungweine entlarven schon im unfertigen Zustand die bekannte Rheingauer Stilistik als kellertechnisch „eingestellt“ und gewollt, nicht aber als authentischen Herkunftscharakter. Das, was hier in den Ress´schen Fässern vor sich hingärt, wird noch zur unbequemen Wahrheit für den Rheingau und seine Winzer werden.

Zudem hat Christian Ress angekündigt, die Umstellung auf biologischen Weinbau konsequent weiter fortzusetzen und sich dann auch der biodynamischen Bewirtschaftung zu widmen, was noch ein weiter Weg ist, doch der Entschluß scheint gefallen, auch, weil der Jahrgang 2012 die beiden mutigen Macher mit kerngesundem Lesegut aus entsprechend später Lese durchweg bestätigt hat. Dirk Würtz gedenkt diese Entwicklung nun im Keller in einer kompromisslosen Individualisierung der Weine fortzusetzen.

 

Dabei folgt er keinen Dogmen und keinen Ideologien. Wenn es geht und Sinn macht, vergärt er spontan und baut im Holz aus. Wie die Versuche im Jahrgang 2012 zeigten, scheint der lange und schonende Ausbau auf der Hefe in gebrauchten Barriques seinen Weinen sehr gut zu tun. Die im Rheingau übliche Auf- und Entsäuerung lehnt er ab und wenn einzelne Weine den Milchsäureabbau machen wollen, dann sollen sie ihn machen. Dirk Würtz will seinen Weinen im Keller in Zukunft viel mehr Zeit geben als bisher.

 

Der radikale Wandel in Weinberg und Keller, den die Ress-Weine des Jahrgangs 2011 andeuteten und die der Jahrgang 2012 auf noch dramatischere Art und Weise fortsetzt,     wird noch heftig diskutiert werden. Doch die neuen Weine von Balthasar Ress werden international für Furore sorgen. Sie werden es sein, die die Spitze im Rheingau neu definieren werden. Der deutsche Markt selbst tut sich schwer mit seinen großen Gewächsen und der Definition, welcher Stilistik und welchem Konzept der deutsche Wein folgen soll, was denn nun die Vorstellung von der Spitze des Rieslings sein soll. Diese Definition wird über das Ausland erfolgen, sie wird uns aus der Hand genommen werden von internationalen Händlern, Journalisten und Bloggern, die mit ihrer Erfahrung unterscheiden können zwischen individueller Herkunftsstilistik und international marktkonformem Geschmacksmuster. Dazu tragen auch die neuen Kommunikationsformen bei, derer sich sowohl Christian Ress als auch Dirk Würtz höchst agil zu bedienen wissen.

Dieser Entwicklung kann sich kein deutscher Winzer entziehen, auch nicht der Rheingau mit seiner hohen Dichte an VDP-Betrieben. Da dürfte so manchem, initialisiert durch die beschriebene Entwicklung, schon bald ein Licht aufgehen oder selbiges auch ausgehen. Auf jeden Fall aber werden die neuen Qualitäten von Christian Ress und Dirk Würtz im Konzert mit den großen authentischen Qualitäten von Philipp Wittmann & Co für eine von außen kommende Definition dessen sorgen, was guter neuer deutscher Wein sein kann, was er sein soll und was er sein wird.

 

Wir werden in ein paar Wochen die Weine von Balthasar Ress erneut probieren, um dann in die Detailbeurteilung der einzelnen Lagen gehen zu können, doch hat mich diese frühe Probe nachhaltig bestätigt in meiner Vorstellung von der Zukunft des deutschen Weines.  Ohne den Mut zur überzeugenden Individualisierung wird man im Markt der Zukunft kaum noch Gehör finden.

 

Sie war toll vorbereitet, unsere Probe, vielen Dank! 

 

Christian Ress und Dirk Würtz jedenfalls setzen riskant und mutig alles auf eine Karte, sie gehen volles Risiko ein. Sie werden damit Gehör finden und Erfolg haben. Vermutlich wird das zunächst im Export stattfinden und erst dann Eingang finden in den deutschen Markt, der sich lieber in Lugana und Primärfrucht suhlt, statt sich mit der Zukunft des deutschen Weines zu beschäftigen. Die macht viel zu viel Arbeit, weshalb man sie erst angeht, wenn sie Gegenwart ist, weil dann der Markt bereitet ist.

 

Es braucht Visionäre wie Christian Ress und Dirk Würtz, um die im Rheingau ungewöhnlich starren und festgefahrenen Strukturen aufzubrechen und neue Wege zu weisen. Ohne mutige Winzerpersönlichkeiten wie Steffen Christmann, Günter und Philipp Wittmann, Roman Niewodniczanski oder Reinhard Löwenstein, um nur ein paar stellvertretend zu nennen, die in den letzten zwanzig bis dreißig Jahren mutig gegen den Strom schwammen, würden heute die Pfalz, Rheinhessen, die Saar und die Mosel nicht im Fokus der Weinkenner und -käufer der Welt stehen. Der Rheingau hat sich dagegen über die Jahre ins Abseits manövriert. Ohne radikale Individualisierung in Richtung eines identifizierbaren nationalen und regionalen Herkunftscharakters haben deutsche Weinbauregionen und ihre besten Winzer aber keine Chance im Konzert der Weine der Welt. Gegen die Billigweine dieser Welt können sie ebenso wenig ausrichten wie gegen die Markenweine dieser Welt. Doch ihre Einzigartigkeit, ihre Diversifizierung, ihre Individualität und Eigenart wird ihnen in Zukunft eine Nische im Markt und damit ihr Überleben sichern.

 

Diese Entwicklung nun auch in einem so großen Betrieb wie Balthasar Ress mitverfolgen zu können ist spannend. 43 ha auf biologischen Anbau umzustellen und den damit verbundenen Wandel in Stil und Qualität hinzunehmen, bedeutet einiges. Das haben Winzer wie Günter Wittmann, Peter Jakob Kühn und andere schon vor vielen Jahren vorgemacht und dabei durchaus existentielle Krisen riskiert, weil alte Kunden wegblieben, neue noch nicht rekrutiert waren. Günter Wittmann meint, sie hätten mit jeder Veränderung in Weinberg und Keller einen Teil ihrer Kundschaft ausgewechselt. Das alles steht dem Hause Ress noch bevor, doch denke ich, daß die Weine neuer Generation in ein paar Jahren schon zu den Klassikern des Rheingaus gehören werden und damit eine sehr nachhaltige Entwicklung im Rheingau einleiten werden, der sich auch große renommierte Betriebe nicht werden verschließen können. Der Anfang ist gemacht.

 

Ich danke den Herren Ress und Dirk Würtz ganz herzlich für diese eindrucksvolle Probe und kündige an, ihr Engagement auf dem Markt mit zu unterstützen. Vielen Dank und auf bald, wenn wir Ende Januar nochmal vorbeikommen, dann aber mit der ganzen Mannschaft!

 

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Unsere Tipps

2008

Bürklin-Wolf

»Ruppertsberger Hoheburg» PC Faß 24

16,99 €

2010

Stéphane Tissot

Chardonnay »Classique« Arbois

15,80 €

2009

Zidarich

Malvasia DOC Carso

26,00 €

2011

Uwe Schiefer

Weisser Schiefer »M«

38,00 €

Bernd Klingenbrunn
14.Jan.2013
Immer wieder schön zu lesen...
Peer G.
14.Jan.2013
Dass der Rheingau in den letzten 10 Jahren an individuellem Profil verloren hat, ist offensichtlich. Dennoch besaß er es einst, waren doch die Weine von Georg Breuer und Schloss Johannisberg in den 1990er Jahren geradezu exemplarisch für Herkunftscharakter und internationale Größe! Wäre man so konservativ wie die Franzosen und nicht so stark marktökonomisch orientiert wie wir Deutschen, dann würden diese Weine auch heute noch soviel Kraft, Präzision und eigenständiges Profil zeigen wie einst. Die Verschlimmbesserungen der letzten 15 Jahre in der Kellertechnik, allem voraus das Hefe-, Säure- und Zeitmanagement haben diese Tatsachen zu verantworten. Bleibt zu hoffen, dass der deutsche Weingeschmack nicht weiter verwässert und dieser eine neue "alte" Definition erhält!
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